Was heißt das eigentlich?
Das "DORT" in diesem Glaubenssatz
bezeichnet keinen Ort. Es ist das positive Spiegelbild der negativen Reihe von
Tod, Begräbnis und Abstieg in das Totenreich. Dort wurde die Erniedrigung
entfaltet, später die Erhöhung in der Auferstehung. Zunächst verurteilt
menschliche Macht, später rechtfertigt Gott. Die hier angesprochene Übertragung
von Rechtsgewalt ist der Höhepunkt im Auferstehungsglauben.
Zum Begriff RICHTEN existieren weit verbreitete Missverständnisse des göttlichen Weltgerichts. Der Mythos wird
missverstanden, als ob er Geschichte wäre - Zukunftsgeschichte. Die Wiederkunft
Jesu Christi wird zum geschichtlichen Ereignis am Ende der Zeit, wenn er als
Weltrichter kommen wird.
Gerechtigkeit lässt sich nicht immer und auf
Dauer unterdrücken. So verstanden, richtet der Auferstandene gar nicht im landläufigen Sinn, er wird vielmehr seinen Widersachern zu Gericht. In dem Sinne wie ein fachmännisch geschreinerter Stuhl den eines Pfuschers richtet.
Das hohe Maß der Lebendigkeit Jesu Christi "richtet" die halbherzig
und lau dahin lebenden.
Solches Richten ist nicht Rache sondern
Gnade. So richten ist nicht strafen, es stellt eher den rechten Stand der Dinge
wieder her. Gerechtigkeit ist kein Aburteilen mehr, sondern verwandelt sich in
eine Richtschnur. Es geht um die Aufrichtung einer Weltordnung nach dem
Richtmaß von Weisheit und Barmherzigkeit. Statt Gier, Hass und Wahn herrschen
Teilen, Zugehörigkeitsbewusstsein und Verstehen - Haltungen, die der
Kreativität und Tatkraft der Liebe entsprechen.
Was bedeutet LEBENDE und TOTE in diesem
Zusammenhang? Was unterscheidet die wahrhaft LEBENDEN von den spirituell TOTEN?
Menschen, die wie Jesus alles auf die göttliche Gerechtigkeit der Liebe setzen,
sind im Vollsinn LEBENDE; die anderen sind im Vergleich dazu die TOTEN.
Woher wissen wir das?
Wenn dieser Glaubenssatz sich auf ein
zukünftiges Ereignis bezöge, wäre er unbeweisbar. Wir müssten abwarten, ob er
sich je bewahrheiten würde. Es geht hier aber um eine in der Gegenwart
zugängliche Einsicht in Gerechtigkeit und Gericht. "Was du nicht willst,
dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu." (Volksmund über
Gerechtigkeit). "Alle Schuld rächt sich auf Erden" (Goethe über
Gerechtigkeit). Beides ist jedem reifen Menschen intuitiv einsichtig.
Gerechtigkeit kann nicht durch äußere
Gesetze aufgezwungen werden. Sie ist das innere Gesetz echter Ordnung. Sie muss
von innen wirken. Wie der Sauerteig, der die ganze Teigmasse gären lässt und
von innen her zum Aufgehen bringt. Gerechtigkeit ist ein Aspekt der
Wirklichkeit. Selbst wenn wir selber ungerecht handeln, wissen wir, was gerecht
ist. Selbst unsere Wut, die sich gegen das auflehnt, was uns als Gottes
Ungerechtigkeit erscheint, hat ihre Wurzel in der unzerstörbaren Überzeugung,
dass Gerechtigkeit vor dem Gericht des Seins Recht behalten muss.
Weshalb ist das so wichtig?
Das mythische Bild von Jesus Christus als
Weltenrichter kann uns helfen, unseren Alltag und unser Leben in Ordnung zu
bringen.
Ordnung ist nie statisch, sie lässt immer
neue Muster entstehen. Doch das innerste Gesetz wahrer Ordnung heißt Liebe. Die
ganze Natur lebt danach. Auch die Entwicklung zweier Liebender zu einer Familie
folgt diesem Prozess einer inneren Gesetzmäßigkeit.
Unser Gerechtigkeitssinn entstammt diesem
Grundprinzip der Liebe. Der vietnamesische Zen-Lehrer Thich Nhat Hanh sagt:
"Gerechtigkeit ist nicht auf Rechtsansprüche gegründet, sondern auf
dankbare Liebe".
Natürlich bleibt die praktische
Verwirklichung von Gerechtigkeit im Einzelnen immer fragwürdig, weil die
Komplexität des Lebens sie erschwert. Wir brauchen nur an Entscheidungen in den
Bereichen Politik, Wirtschaft oder Umwelt zu denken. Wir mögen sie aus einer
bestimmten Perspektive für ungerecht halten. Und doch sind wir alle an diesen
Entscheidungen irgendwie mitbeteiligt.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Wer würde sich nicht spontan einen donnernden Weltenrichter wünschen, wenn mal wieder ein Staatsoberhaupt und seine Wirtschaftsberater mit Hilfe von Propagandalügen einen Angriffskrieg vom Zaun brechen? Und doch ist es so, dass Gottes Geduld mehr erreicht durch "liebenswürdig zurückhaltende Geschicklichkeit", als durch ein Gericht, dass Gerechtigkeit erzwingt.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Das Bild des Weltenrichters nutzt so mancher
"strenggläubige Christ" gerne als Drohkulisse. Für sich und gerne
auch für andere. Es ist erschreckend, was solche Missverständnisse anrichten können und wie viel spiritueller Missbrauch damit getrieben wurde und immer noch
getrieben wird. Ich befürchte, dass auch die Erklärungen von David Steindl-Rast
an solchen Menschen nicht viel ändern werden. Was nicht in eigene Weltbild oder
Religionsverständnis passt, wird gerne ignoriert oder als Irrtum abgetan. In
der Einteilung LEBENDE und TOTE gehören sie wohl eher zu den spirituell TOTEN.
Sehr wichtig ist hier der Hinweis auf das
innere Gesetz der Liebe. Wir erkennen immer wieder, dass Gerechtigkeit sich
trotz aller Gesetze und Gerichte nicht erzwingen lässt. Manchmal erreichen wir
mit "Gottes Geduld" mehr. Bisher ist jedes Unrechtssystem irgendwann
in sich zusammengebrochen. Doch dies braucht nunmal Zeit.
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