Mittwoch, 27. Januar 2016

"VON DORT WIRD ER KOMMEN ZU RICHTEN DIE LEBENDEN UND DIE TOTEN"

Was heißt das eigentlich?

Das "DORT" in diesem Glaubenssatz bezeichnet keinen Ort. Es ist das positive Spiegelbild der negativen Reihe von Tod, Begräbnis und Abstieg in das Totenreich. Dort wurde die Erniedrigung entfaltet, später die Erhöhung in der Auferstehung. Zunächst verurteilt menschliche Macht, später rechtfertigt Gott. Die hier angesprochene Übertragung von Rechtsgewalt ist der Höhepunkt im Auferstehungsglauben.
Zum Begriff RICHTEN existieren weit verbreitete Missverständnisse des göttlichen Weltgerichts. Der Mythos wird missverstanden, als ob er Geschichte wäre - Zukunftsgeschichte. Die Wiederkunft Jesu Christi wird zum geschichtlichen Ereignis am Ende der Zeit, wenn er als Weltrichter kommen wird.
Gerechtigkeit lässt sich nicht immer und auf Dauer unterdrücken. So verstanden, richtet der Auferstandene gar nicht im landläufigen Sinn, er wird vielmehr seinen Widersachern zu Gericht. In dem Sinne wie ein fachmännisch geschreinerter Stuhl den eines Pfuschers richtet. Das hohe Maß der Lebendigkeit Jesu Christi "richtet" die halbherzig und lau dahin lebenden.
Solches Richten ist nicht Rache sondern Gnade. So richten ist nicht strafen, es stellt eher den rechten Stand der Dinge wieder her. Gerechtigkeit ist kein Aburteilen mehr, sondern verwandelt sich in eine Richtschnur. Es geht um die Aufrichtung einer Weltordnung nach dem Richtmaß von Weisheit und Barmherzigkeit. Statt Gier, Hass und Wahn herrschen Teilen, Zugehörigkeitsbewusstsein und Verstehen - Haltungen, die der Kreativität und Tatkraft der Liebe entsprechen.
Was bedeutet LEBENDE und TOTE in diesem Zusammenhang? Was unterscheidet die wahrhaft LEBENDEN von den spirituell TOTEN? Menschen, die wie Jesus alles auf die göttliche Gerechtigkeit der Liebe setzen, sind im Vollsinn LEBENDE; die anderen sind im Vergleich dazu die TOTEN.

Woher wissen wir das?

Wenn dieser Glaubenssatz sich auf ein zukünftiges Ereignis bezöge, wäre er unbeweisbar. Wir müssten abwarten, ob er sich je bewahrheiten würde. Es geht hier aber um eine in der Gegenwart zugängliche Einsicht in Gerechtigkeit und Gericht. "Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu." (Volksmund über Gerechtigkeit). "Alle Schuld rächt sich auf Erden" (Goethe über Gerechtigkeit). Beides ist jedem reifen Menschen intuitiv einsichtig.
Gerechtigkeit kann nicht durch äußere Gesetze aufgezwungen werden. Sie ist das innere Gesetz echter Ordnung. Sie muss von innen wirken. Wie der Sauerteig, der die ganze Teigmasse gären lässt und von innen her zum Aufgehen bringt. Gerechtigkeit ist ein Aspekt der Wirklichkeit. Selbst wenn wir selber ungerecht handeln, wissen wir, was gerecht ist. Selbst unsere Wut, die sich gegen das auflehnt, was uns als Gottes Ungerechtigkeit erscheint, hat ihre Wurzel in der unzerstörbaren Überzeugung, dass Gerechtigkeit vor dem Gericht des Seins Recht behalten muss.

Weshalb ist das so wichtig?

Das mythische Bild von Jesus Christus als Weltenrichter kann uns helfen, unseren Alltag und unser Leben in Ordnung zu bringen.
Ordnung ist nie statisch, sie lässt immer neue Muster entstehen. Doch das innerste Gesetz wahrer Ordnung heißt Liebe. Die ganze Natur lebt danach. Auch die Entwicklung zweier Liebender zu einer Familie folgt diesem Prozess einer inneren Gesetzmäßigkeit.
Unser Gerechtigkeitssinn entstammt diesem Grundprinzip der Liebe. Der vietnamesische Zen-Lehrer Thich Nhat Hanh sagt: "Gerechtigkeit ist nicht auf Rechtsansprüche gegründet, sondern auf dankbare Liebe".
Natürlich bleibt die praktische Verwirklichung von Gerechtigkeit im Einzelnen immer fragwürdig, weil die Komplexität des Lebens sie erschwert. Wir brauchen nur an Entscheidungen in den Bereichen Politik, Wirtschaft oder Umwelt zu denken. Wir mögen sie aus einer bestimmten Perspektive für ungerecht halten. Und doch sind wir alle an diesen Entscheidungen irgendwie mitbeteiligt.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast


Wer würde sich nicht spontan einen donnernden Weltenrichter wünschen, wenn mal wieder ein Staatsoberhaupt und seine Wirtschaftsberater mit Hilfe von Propagandalügen einen Angriffskrieg vom Zaun brechen? Und doch ist es so, dass Gottes Geduld mehr erreicht durch "liebenswürdig zurückhaltende Geschicklichkeit", als durch ein Gericht, dass Gerechtigkeit erzwingt.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten

Das Bild des Weltenrichters nutzt so mancher "strenggläubige Christ" gerne als Drohkulisse. Für sich und gerne auch für andere. Es ist erschreckend, was solche Missverständnisse anrichten können und wie viel spiritueller Missbrauch damit getrieben wurde und immer noch getrieben wird. Ich befürchte, dass auch die Erklärungen von David Steindl-Rast an solchen Menschen nicht viel ändern werden. Was nicht in eigene Weltbild oder Religionsverständnis passt, wird gerne ignoriert oder als Irrtum abgetan. In der Einteilung LEBENDE und TOTE gehören sie wohl eher zu den spirituell TOTEN.

Sehr wichtig ist hier der Hinweis auf das innere Gesetz der Liebe. Wir erkennen immer wieder, dass Gerechtigkeit sich trotz aller Gesetze und Gerichte nicht erzwingen lässt. Manchmal erreichen wir mit "Gottes Geduld" mehr. Bisher ist jedes Unrechtssystem irgendwann in sich zusammengebrochen. Doch dies braucht nunmal Zeit.

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