Was heißt das eigentlich?
Der Titel HERR bedeutet hier höchste Autorität du war der
Titel des römischen Kaisers. Jesus Christus Herrn zu nennen, war Hochverrat.
Die gewaltfreie Revolution, für die Jesus lebte und für die er starb, bedroht
jedes politische oder religiöse Unterdrückungssystem. Sie stellt jede auf
Gewalt gegründete Ordnung in Frage, selbst wenn die sich auf Jesus selbst
beruft.
Den ersten Christen begegnete die absolute, unbegrenzte und
persönliche Autorität der Liebe in Jesus Christus. Ihm zu folgen bedeutete, für
die Macht der Liebe einzutreten gegen alle anderen Mächte der Welt. Darum
nannten sie Jesus ihren HERRN. Dieser Begriff war schon lange bevor der
römische Kaiser Herr genannt wurde, ein Titel Gottes.
Der Glaube an Jesus Christus als HERRN bedeutet, dass wir
unser tiefstes Vertrauen setzen auf die Macht göttlicher Liebe, die sich in
menschlichen Begegnungen verwirklicht. Eine Welt, in der die Herrschaft der
Liebe alle Entscheidungen bestimmt, ist unserer von Macht statt Liebe geprägten
Konkurrenzgesellschaft von Grund auf entgegengesetzt.
Woher wissen wir das?
Über die Gestalt Jesu und über seine Stellung zur Welt
seiner Zeit gibt es verlässliche Studien im Bereich der Bibelforschung.
Wir alle haben (hoffentlich) in unserem leben Erfahrungen
tiefster Erfüllung gemacht. Schon allein beim Tanzen völlig eins werden mit dem
Rhythmus der Musik lässt uns die Freude grenzenloser Zugehörigkeit vorkosten.
Unser Herz sagt spontan „Ja“. Inmitten einer Welt voller Entfremdung bei diesem
„Ja“ zu bleiben und sich immer wieder zu für die Zugehörigkeit zu entscheiden,
das ist die große Herausforderung der Liebe. Was wir da aus eigener Erfahrung
kennen, ist es, worum es Jesus ging. Je mehr wir über ihn erfahren, umso klarer
wird uns das.
Wenn wir den Sinn der Glaubenssätze des Credo mit dem Licht
unserer eigenen Herzenserfahrungen und unseres tiefsten spirituellen
Bewusstseins durchleuchten, können wir ihre universelle Bedeutung verstehen.
Jesus hält in allen Schwierigkeiten am „Ja“ fest und geht
dafür in den Tod. Wenn uns bewusst wird, dass die Stimme letzter Autorität in
unserem eigenen Herzen das auch von uns verlangen kann, dann liegt es nahe, In
Jesus den Repräsentanten der Autorität der Liebe zu sehen. Und genau das will
der Titel HERR ausdrücken.
Warum ist das so wichtig?
Das christliche Bekenntnis zu Jesus Christus als Herrn
drückt etwas aus, was allen Menschen als Ideal gilt: Liebe als höchste
Autorität. Wer diese Autorität anerkennt, verpflichtet sich, entsprechend zu
leben und das hat ungeheuere praktische Konsequenzen für unser persönliches
Leben. Und kann auch dazu führen, dass wir die Ansprüche anderer Autoritäten
entschieden zurückweisen müssen. Ansonsten ist alles „Herr, Herr! – Sagen
leeres Gerede. Dieses Bemühen geht über uns als Einzelne, ja selbst über die
Menschheit als Ganze weit hinaus. Es ist das Werk des heiligen Geistes, der
göttlichen Kraft der Liebe in unserem Herzen und in der ganzen Schöpfung.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Wir können es wagen, für Gerechtigkeit einzutreten. Wann
sind wir zum letzten Mal gegen Ungerechtigkeit aufgestanden.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Hier sieht man, wie wichtig es ist darauf zu schauen, in
welchem Kontext Begriffe benutzt werden. Der moderne, aufgeklärte Mensch hat
nicht gerne einen HERRN über sich, schließlich ist er kein Sklave. Eher
konventionelle Christen verstehen den Begriff vermutlich eher im Sinne einer
gewissen Unterordnung. Leider hat sich das Christentum in seiner Geschichte oft
mit eher unterdrückerischen Systemen verbunden.
In biblischen Zeiten hingegen war die Anrede HERR für Jesus
eine revolutionäre Sache.
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