Was heißt das eigentlich?
Das rechte Verständnis hängt hier an dem Wörtchen „und“. In
dem Satz „die Sonne und ihre Wärme wird dir gut tun“ ist ja die Wärme nichts
zur Sonne zusätzliches. Auch zu Gott lässt sich nichts hinzufügen. Der Glaube
an Jesus Christus ergänzt den allen Menschen zugänglichen Gottesglauben also
nicht, sondern erläutert ihn nur, und zwar im christlichen Sinn.
UND AN JESUS CHRISTUS macht also klarer, wie wir Menschen
Gott erleben können: nicht nur als Vater, als allmächtige Liebe, sondern auch
als Wirklichkeit, die uns in Jesus Christus begegnet.
Damit ergibt sich keine Ausschließlichkeit. Wir können Gott
jederzeit, irgendwo und in irgendeiner Form begegnen.
Die Benennung JESUS CHRISTUS hält zwei Pole in
schöpferischer Spannung miteinander verbunden: Jesus, eine geschichtliche
Persönlichkeit und Christus, die gottmenschliche Wirklichkeit, die in jedem
Menschen, also auch in uns selbst, aufleuchtet.
Wenn ich den einen Pol – Jesus – auf Kosten des Christus in
mir betone, so verliert Jesus seine einzigartige Bedeutung für mich persönlich.
Er kann mir zwar ein bewundernswerter Lehrer sein, aber ich erkennen ich ihm
nicht die geschichtliche Verwirklichung meiner eigenen gottmenschlichen
Möglichkeit. Wenn ich nun den anderen Pol so ausschließlich betone, dass ich
den Christus-in-mir nicht in Jesus von Nazareth verwirklicht sehe, dann ist
meine innere Christuswirklichkeit ihres objektiven geschichtlichen
Bezugspunktes und Maßstabes beraubt und ich kann sie allzu leicht subjektiv
verzerren. Beide Pole verlangen unsere beständige Aufmerksamkeit.
Woher wissen wir das?
Was wir von Jesus wissen, das haben wir von anderen
erfahren. Was CHRISTUS heißt, das kennen wir aus eigener Erfahrung, auch wenn
wir nie von Jesus gehört haben.
Wenn wir jemanden aus ganzem Herzen lieben, dann kann es
vorkommen, dass wir plötzlich erfahren, wie uns in einem anderen Menschen Gott
begegnet. Ein gegenseitiges Anschauen Liebender: so innig und so tief, dass der
Blick bis zum göttlichen Wesensgrund des Anderen durchdringt. Eine solche
Erfahrung kann zu der Einsicht führen, dass, was wir Gott nennen, nicht nur
alle unsere Horizonte überschreitet, sondern uns zugleich „zumindest näher ist,
als wir uns selber sind“. Nach der Bibel sind wir „als Gottes Ebenbild“
geschaffen. Unsere Gottesähnlichkeit wird umso strahlender leuchten, je mehr
wir unser ureigenstes Selbst – Christus in uns – verwirklichen. In diesem Sinne
muss man nicht Christ sein, um Christus zu kennen. Indem du dein wahres Selbst
findest, findest du Christus.
Jede spirituelle Tradition hat unterschiedliche Methoden,
dieses Selbst zu finden. Ein Weg ist, dankbar im Jetzt zu leben.
Dreierlei muss zusammenkommen, bevor wir sagen können, dass
wir an Gott UND AN JESUS CHRISTUS glauben:
- Wir müssen unser wahres Selbst, die Christuswirklichkeit in uns, wenigstens keimhaft erfühlen.
- Wir müssen die geschichtliche Gestalt Jesu und die gewaltfreie Revolution, für die er sein Leben gab, genügend kennenlernen.
- Und wir müssen diese beiden verbinden, indem wir uns mit Überzeugung hinter sein Programm sozialer Veränderung („das Reich Gottes“) stellen und zugleich unser göttliches Selbst (Christus-in-uns) verwirklichen.
Manche, die sich Christen nennen, erfüllen leider diese drei
Bedingungen nicht.
Der Glaube an Jesus Christus ist tiefstes Vertrauen nicht
auf etwas außerhalb von uns, sondern vielmehr darauf, dass Gottes Gegenwart
sich auch in uns selber und durch uns in der Welt verwirklichen will und kann.
Warum ist das so wichtig?
Der Glaube AN JESUS (als) CHRISTUS schließt ein, dass wir in
Jesus unser eigenes gott-menschliches Selbst erkennen. Das Selbst, das als
Gottes „Ebenbild“ geschaffen ist, Gottes liebende Gegenwart in uns. Das
Göttliche kann sich inmitten des Menschlichen verwirklichen – also auch in mir
selbst. Das gilt nicht nur für Christen, sondern für uns alle. Gott will sich
im Menschlichen offenbaren, wenn wir nur unsere Herzen dafür öffnen.
Das wichtige UND in unserem Satz bedeutet, dass ich nicht
nur an den Gott jenseits aller Horizonte glaube, sondern auch an Gott in mir.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Selbst werden bedeutet, durch sein Tun aussagen, was man
ist. Wenn wir alle die uns allen gemeinsame Christuswirklichkeit als unser
eigentliches Selbst erkennen, entsteht eine Gerechtigkeitsgemeinschaft. Wozu
wir bestimmt sind, ist Gemeinschaft im kosmischen Christus.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
An dieser Stelle ergeben sich für den modernen Menschen
viele Fragen. Die meisten Menschen erkennen Jesus und sein Wirken als
historische Persönlichkeit an. Etliche halten ihn für den Sohn Gottes – im Sinn
einer biologischen Abstammung – und Christus für seinen Nachnahmen. Doch sie
kennen ihre eigene Christuswirklichkeit nicht. Die häufige Frage: „Ja bin ich
denn Jesus?“ macht dies sehr deutlich. Wer hierauf mit Ja antwortet, wird
vielleicht ein mitleidiges Lächeln ernten oder von konservativen Christen böse
Blicke oder Schlimmeres.
Andere Fragen „Wie ist Gott?“ und verkennen, das dies uns
durch Jesus gezeigt wurde. Das scheinen auch etliche Theologen, die um diese
Frage herumeiern, nicht verstanden zu haben.
Dies hat seine Gründe. Dazu zitiere ich David Steindl-Rast:
Damit komme ich zu meinem
zweiten Punkt, dem eigentlichen Inhalt der christlichen Gottesidee.
Geistesgeschichtlich betrachtet war es die größte Leistung Jesu des Mystikers,
daß er - wie, auf andere Weise, Buddha vor ihm - aus dem Bannkreis des Theismus
ausbrach. Gott ist für Jesus nicht die für den Theismus kennzeichnende
Gottheit, die, von uns getrennt, uns gegenübersteht; Jesus erlebt sich als mit
Gottes eigenem Leben lebendig. Daß er von Gott als „Vater" spricht,
schafft Raum für liebende Beziehung, trennt aber nicht; für semitisches
Empfinden sind Vater und Sohn eins. Jedenfalls wird er schon in frühen
Zeugnissen als ein Mensch dargestellt, der die göttliche Wirklichkeit für
andere so überzeugend vergegenwärtigt, daß er nicht nur im Namen Gottes
spricht, sondern selber Wort Gottes ist. Gottes eigener Lebensatem, der Heilige
Geist, macht ihn lebendig, wirkt in ihm und läßt ihn den Vater sozusagen von
innen her verstehen. Hier hat der Mensch am Sein Gottes Anteil, ist völlig
eingetaucht in die göttliche Wirklichkeit. Gott ist keine Gottheit (auch nicht
die oberste), sondern „in Gott leben wir, handeln und sind" (Apg17,28).
Jesus selbst sieht dieses Einssein mit Gott keineswegs als ein Privileg, das ihm allein zusteht. Er will dieses mystische Bewußtsein allen zugänglich machen. Im Johannes-Evangelium ist das so ausgedrückt: „Alle aber, die ihn aufnahmen, ermächtigte er, Gottes Kinder zu werden" (1,12). Und Paulus prägt immer neue Wortformen, um klar zu machen, daß wir alle „in" Christus am Leben Gottes Anteil haben.
Wenn Dogmen auftauen
So unausrottbar war jedoch der Theismus, daß der geistige Durchbruch Jesu wie ein Leck im Boot verstopft wurde, um so schnell wie möglich den Status quo wiederherzustellen. Die Lehre Jesu mußte uminterpretiert und dem theistischen Weltbild eingefügt werden. So wurde der Aspekt der göttlichen Wirklichkeit, den Jesus „Vater" nannte, um die intimste Lebensgemeinschaft auszudrücken, zu einer von uns unendlich abgetrennten Vatergottheit. Schwieriger wurde es, die Teilnahme Jesu am Leben Gottes begrifflich in die Zwangsjacke des Theismus zu zwängen. Ganz überzeugend gelang das nicht, obwohl die schärfsten Geister sich drei Jahrhunderte lang darum bemühten. Die Teilnahme am Leben Gottes, die Jesus für alle Menschen gelehrt hatte, wurde jetzt auf ihn allein beschränkt. Mythische Umdeutung seiner Lehre machte ihn zum „Sohn Gottes" im Sinne von „Abkömmling einer Gottheit." Der Heilige Geist, im ursprünglichen Verständnis einfach das göttliche Leben in allem Lebendigen, mußte nun als „Person" verstanden werden, weil das im theistischen Rahmen erlaubte, wenigstens daran festzuhalten, daß „sie" (der Heilige Geist wurde als weiblich konzipiert) untrennbar zur göttlichen Wirklichkeit „dazugehört".
So wurden die Kennworte für die lebendige Gotteserfahrung Jesu - Vater, Sohn und Heiliger Geist - zur dreieinigen „Gottheit" theistisch umgedeutet und dogmatisch eingefroren. Wir dürfen, was sich da ereignete, als geistesgeschichtliche Katastrophe betrachten, es steht uns aber auch frei, es positiv zu sehen. Die westliche Welt war einfach noch nicht reif für die Botschaft Jesu. Sie wurde zu etwas anderem, wie Wasser, das zu Eis wird. Was wir den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte verdanken, ist, daß in den Dogmen, die sie uns hinterließen, wirklich die bahnbrechende Gotteserfahrung Jesu enthalten ist, wenn auch in beinahe unkenntlicher Form.
Jesus selbst sieht dieses Einssein mit Gott keineswegs als ein Privileg, das ihm allein zusteht. Er will dieses mystische Bewußtsein allen zugänglich machen. Im Johannes-Evangelium ist das so ausgedrückt: „Alle aber, die ihn aufnahmen, ermächtigte er, Gottes Kinder zu werden" (1,12). Und Paulus prägt immer neue Wortformen, um klar zu machen, daß wir alle „in" Christus am Leben Gottes Anteil haben.
Wenn Dogmen auftauen
So unausrottbar war jedoch der Theismus, daß der geistige Durchbruch Jesu wie ein Leck im Boot verstopft wurde, um so schnell wie möglich den Status quo wiederherzustellen. Die Lehre Jesu mußte uminterpretiert und dem theistischen Weltbild eingefügt werden. So wurde der Aspekt der göttlichen Wirklichkeit, den Jesus „Vater" nannte, um die intimste Lebensgemeinschaft auszudrücken, zu einer von uns unendlich abgetrennten Vatergottheit. Schwieriger wurde es, die Teilnahme Jesu am Leben Gottes begrifflich in die Zwangsjacke des Theismus zu zwängen. Ganz überzeugend gelang das nicht, obwohl die schärfsten Geister sich drei Jahrhunderte lang darum bemühten. Die Teilnahme am Leben Gottes, die Jesus für alle Menschen gelehrt hatte, wurde jetzt auf ihn allein beschränkt. Mythische Umdeutung seiner Lehre machte ihn zum „Sohn Gottes" im Sinne von „Abkömmling einer Gottheit." Der Heilige Geist, im ursprünglichen Verständnis einfach das göttliche Leben in allem Lebendigen, mußte nun als „Person" verstanden werden, weil das im theistischen Rahmen erlaubte, wenigstens daran festzuhalten, daß „sie" (der Heilige Geist wurde als weiblich konzipiert) untrennbar zur göttlichen Wirklichkeit „dazugehört".
So wurden die Kennworte für die lebendige Gotteserfahrung Jesu - Vater, Sohn und Heiliger Geist - zur dreieinigen „Gottheit" theistisch umgedeutet und dogmatisch eingefroren. Wir dürfen, was sich da ereignete, als geistesgeschichtliche Katastrophe betrachten, es steht uns aber auch frei, es positiv zu sehen. Die westliche Welt war einfach noch nicht reif für die Botschaft Jesu. Sie wurde zu etwas anderem, wie Wasser, das zu Eis wird. Was wir den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte verdanken, ist, daß in den Dogmen, die sie uns hinterließen, wirklich die bahnbrechende Gotteserfahrung Jesu enthalten ist, wenn auch in beinahe unkenntlicher Form.
Um es klar zu sagen: Wir stammen direkt von Gott ab. Diese
Erkenntnis ist für viele moderne, sich für aufgeklärt haltende Menschen,
wahrscheinlich nur schwer zu verdauen.
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