Mittwoch, 27. Januar 2016

"GEBOREN VON DER JUNGFRAU MARIA"

Was heißt das eigentlich?


Kurz gesagt: Das heißt, das mit Jesus Christus etwas ganz Neues beginnt.

Doch der Reihe nach: Dieser Glaubenssatz ist ein mythische Aussage. Ist er damit unwahr? Nein, er ist in einem viel tieferen Sinne wahr, als wenn wir ihn wörtlich nehmen. Wer bei dem Begriff Jungfrauengeburt an Gynäkologie denkt, der müsste bei „Ich schenk dir mein Herz“ auch an Herztransplantation denken. In beiden Fällen haben wir es mit dichterischer Sprache zu tun.

Solange in einer Gesellschaft zwischen Mythos und Berichterstattung noch nicht unterschieden wird – wie zu Jesus Zeiten – besteht bei dem Satz GEBOREN VON DER JUNGFRAU MARIA kein Problem.
Wird zwischen Mythen und Tatsachen unterschieden, gilt nur noch das als wahr, was sich buchstäblich so ereignet hat.
Noch einen Schritt weiter und wir können erkennen, das mythisch-dichterische Aussagen zwar wahr sind, aber erst dann ihren tieferen Sinn ergeben, wenn wir sie nicht wörtlich nehmen. Es ist also etwas komplex. Wir brauchen diese genannten Unterscheidungen, um doktrinäre Auseinandersetzungen und Zusammenstöße zu vermeiden.

Die dichterische Vorstellungskraft der jungen Christen sah im Jungrauenschoß, aus dem der neue Adam geboren wird, ein Spiegelbild der jungfräulichen Erde, aus welcher der alte Adam im Paradies geformt wurde. In beiden Bildern bedeutet Jungfräulichkeit einen taufrischen Neubeginn. Jesus bahnt einen neuen Weg zu Gott.

Die beiden Sätze von Geistzeugung und Jungfrauengeburt beziehen sich auf den erwachsenen Jesus. Sie wollen etwas über sein Lebenswerk aussagen, nämlich über die Frohbotschaft von der bedingungslosen liebe Gottes für uns Menschen. Sie fordert uns immer wieder „jungfräulich“ neu heraus, sie in Wort und Tat zu verwirklichen. Wir müssen dem Mut haben, Gottes Geist jungfräulich zu empfangen du selbst das „göttliche Kind“ zu gebären.

So verstanden, wird dieser Glaubenssatz, der sonst nur überflüssige und unbeweisbare Informationen für Neugierige enthielte, zur begeisternden Herausforderung für Mutige.

Woher wissen wir das?


Als gynäkologischer Befund wäre der Glaubenssatz von der jungfräulichen Empfängnis und Geburt Jesu nicht verifizierbar. Als mythisch-dichterisches Bild dagegen vermittelt die Jungfrauengeburt eine klare und wichtige Botschaft.

Die dichterische Sprache der Mythen schließt unser rationales Verständnis nicht aus. Sie bereichert es nur, indem sie unser Gemüt auf einer tieferen Ebene mitschwingen lässt. Freilich gehört dazu eine gewisse geistige Reife. Das aufwachsende Kind muss Märchen zunächst ablehnen; erst später entdeckt es ihren tieferen Wahrheitsgehalt.

Um das Credo oder die Bibel richtig zu verstehen, müssen wir lernen, uns auf dichterische Sprache einzustimmen.

Wir wissen aus eigenen Erfahrung, dass die Begegnung mit großen, neuen Gedanken auf allen Gebieten von uns eine innere Haltung verlangt, die als „jungfräulich“ – unvoreingenommen und empfänglich gekennzeichnet werden darf.

Warum ist das so wichtig?


Der Glaube an Gott nimmt in Jesus Christus eine ganz neue geschichtliche Wendung, die von uns wiederum eine jungfräulich neue Aufnahmebereitschaft fordert.

Könnte dies nicht für den Menschen des dritten Jahrtausend viel klarer und unmissverständlicher ausgedrückt werden? Ja! Für den eigenen Gebrauch ist es durchaus sinnvoll, ein persönliches Glaubensbekenntnis niederzuschreiben, bzw. das Credo in eigene Worte zu übersetzen.

Warum dann an der Formulierung festhalten? Nun, fragen wir so: Zünden Sie bei besonders festlichen Gelegenheiten noch Kerzen an? Warum? Es gibt doch elektrisches Licht.
Offensichtlich liegt uns etwas daran, manchmal an Althergebrachten festzuhalten. Dazu kann es auch gehören, seinen Glauben in derselben Bildersprache zu bekennen, die schon vor zweitausend Jahren unsere christlichen Vorfahren als heilig galt. Es geht also darum, den Text zu verstehen, nicht, ihn zu ersetzen.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast


Es gibt im Lukasevangelium die Geschichte der Verkündung an Maria. Da konnte sie als Frau frei entscheiden, ob sie das Wort Gottes empfangen und zur Welt bringen will.

Was sich damals ereignete, ereignet sich auch heute immer wieder neu, wenn wir wie Maria das Wort Gottes mit offenem Herzen empfangen. Die Welt braucht unser Bemühen, uns immer wieder in jungfräulicher Empfänglichkeit dem Heiligen Geist zu öffnen.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten


Es gibt einige „Stolpersteine“ des Glaubens. Dazu gehört „Geschwängert durch den Heiligen Geist“, die „Jungrauengeburt“ und die Auferstehung, zu der wir später noch kommen.

Dies ist für viele moderne Menschen unserer Zeit, den christlichen Glauben als naiv zu belächeln oder ihn als seelische Tröstung für einige Ewiggestrige zu verstehen. Das ist sehr verständlich, denn niemand hat ihnen erklärt, was dies bedeutet und zu dichterischer Sprache haben sie keinen Zugang mehr – selbst, wenn sie in der Lage wären, diese überhaupt zu erkennen.

Insofern hat David Steindl-Rast völlig Recht, wenn es ihm darum geht, den Text verständlich zu machen und ihn nicht zu ersetzen. Insofern sollte sein Buch Pflichtlektüre für das Theologiestudium sein.

Und da kommen wir zu einem Problem: Viele Vertreter und Verkünder christlichen Glaubens, in welcher Form auch immer, verstehen das Credo nicht in der Form wie David Steindl-Rast. Sie können oder wollen es so nicht verstehen.
Für sie bleibt die Jungfrauengeburt ein unangreifbares Dogma. Und wehe dem, der daran zweifelt. Einer amerikanischen Theologin wurde für diesen Zweifel schon einmal ihr Auto abgefackelt. Nun, es hätte durchaus noch schlimmer kommen können.
Da viele konservative Christen ein Problem mit Sex haben, ist es für sie unvorstellbar, Jesus könne auf ganz natürliche Weise gezeugt und zur Welt gekommen sein. Würde ihr Glaube zusammenbrechen, wenn irgendwie herauskäme, dass Maria gar nicht Jungfrau war?


Es gibt noch eine andere Erklärung: Nämlich die, das bei der Übersetzung der Bibel vom Hebräischen ins Altgriechische aus eine „jungen Frau“ eine „Jungfrau“ wurde. Dies wäre ein Übersetzungsfehler mit fatalen Folgen.

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