Was heißt das eigentlich?
Kurz gesagt: Das heißt, das mit Jesus Christus etwas ganz
Neues beginnt.
Doch der Reihe nach: Dieser Glaubenssatz ist ein mythische
Aussage. Ist er damit unwahr? Nein, er ist in einem viel tieferen Sinne wahr,
als wenn wir ihn wörtlich nehmen. Wer bei dem Begriff Jungfrauengeburt an
Gynäkologie denkt, der müsste bei „Ich schenk dir mein Herz“ auch an
Herztransplantation denken. In beiden Fällen haben wir es mit dichterischer
Sprache zu tun.
Solange in einer Gesellschaft zwischen Mythos und
Berichterstattung noch nicht unterschieden wird – wie zu Jesus Zeiten – besteht
bei dem Satz GEBOREN VON DER JUNGFRAU MARIA kein Problem.
Wird zwischen Mythen und Tatsachen unterschieden, gilt nur
noch das als wahr, was sich buchstäblich so ereignet hat.
Noch einen Schritt weiter und wir können erkennen, das
mythisch-dichterische Aussagen zwar wahr sind, aber erst dann ihren tieferen
Sinn ergeben, wenn wir sie nicht wörtlich nehmen. Es ist also etwas komplex.
Wir brauchen diese genannten Unterscheidungen, um doktrinäre
Auseinandersetzungen und Zusammenstöße zu vermeiden.
Die dichterische Vorstellungskraft der jungen Christen sah
im Jungrauenschoß, aus dem der neue Adam geboren wird, ein Spiegelbild der
jungfräulichen Erde, aus welcher der alte Adam im Paradies geformt wurde. In
beiden Bildern bedeutet Jungfräulichkeit einen taufrischen Neubeginn. Jesus
bahnt einen neuen Weg zu Gott.
Die beiden Sätze von Geistzeugung und Jungfrauengeburt
beziehen sich auf den erwachsenen Jesus. Sie wollen etwas über sein Lebenswerk
aussagen, nämlich über die Frohbotschaft von der bedingungslosen liebe Gottes
für uns Menschen. Sie fordert uns immer wieder „jungfräulich“ neu heraus, sie
in Wort und Tat zu verwirklichen. Wir müssen dem Mut haben, Gottes Geist
jungfräulich zu empfangen du selbst das „göttliche Kind“ zu gebären.
So verstanden, wird dieser Glaubenssatz, der sonst nur
überflüssige und unbeweisbare Informationen für Neugierige enthielte, zur
begeisternden Herausforderung für Mutige.
Woher wissen wir das?
Als gynäkologischer Befund wäre der Glaubenssatz von der
jungfräulichen Empfängnis und Geburt Jesu nicht verifizierbar. Als
mythisch-dichterisches Bild dagegen vermittelt die Jungfrauengeburt eine klare
und wichtige Botschaft.
Die dichterische Sprache der Mythen schließt unser
rationales Verständnis nicht aus. Sie bereichert es nur, indem sie unser Gemüt
auf einer tieferen Ebene mitschwingen lässt. Freilich gehört dazu eine gewisse
geistige Reife. Das aufwachsende Kind muss Märchen zunächst ablehnen; erst
später entdeckt es ihren tieferen Wahrheitsgehalt.
Um das Credo oder die Bibel richtig zu verstehen, müssen wir
lernen, uns auf dichterische Sprache einzustimmen.
Wir wissen aus eigenen Erfahrung, dass die Begegnung mit
großen, neuen Gedanken auf allen Gebieten von uns eine innere Haltung verlangt,
die als „jungfräulich“ – unvoreingenommen und empfänglich gekennzeichnet werden
darf.
Warum ist das so wichtig?
Der Glaube an Gott nimmt in Jesus Christus eine ganz neue
geschichtliche Wendung, die von uns wiederum eine jungfräulich neue
Aufnahmebereitschaft fordert.
Könnte dies nicht für den Menschen des dritten Jahrtausend
viel klarer und unmissverständlicher ausgedrückt werden? Ja! Für den eigenen
Gebrauch ist es durchaus sinnvoll, ein persönliches Glaubensbekenntnis
niederzuschreiben, bzw. das Credo in eigene Worte zu übersetzen.
Warum dann an der Formulierung festhalten? Nun, fragen wir
so: Zünden Sie bei besonders festlichen Gelegenheiten noch Kerzen an? Warum? Es
gibt doch elektrisches Licht.
Offensichtlich liegt uns etwas daran, manchmal an
Althergebrachten festzuhalten. Dazu kann es auch gehören, seinen Glauben in
derselben Bildersprache zu bekennen, die schon vor zweitausend Jahren unsere
christlichen Vorfahren als heilig galt. Es geht also darum, den Text zu
verstehen, nicht, ihn zu ersetzen.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Es gibt im Lukasevangelium die Geschichte der Verkündung an
Maria. Da konnte sie als Frau frei entscheiden, ob sie das Wort Gottes
empfangen und zur Welt bringen will.
Was sich damals ereignete, ereignet sich auch heute immer
wieder neu, wenn wir wie Maria das Wort Gottes mit offenem Herzen empfangen.
Die Welt braucht unser Bemühen, uns immer wieder in jungfräulicher
Empfänglichkeit dem Heiligen Geist zu öffnen.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Es gibt einige „Stolpersteine“ des Glaubens. Dazu gehört
„Geschwängert durch den Heiligen Geist“, die „Jungrauengeburt“ und die
Auferstehung, zu der wir später noch kommen.
Dies ist für viele moderne Menschen unserer Zeit, den
christlichen Glauben als naiv zu belächeln oder ihn als seelische Tröstung für
einige Ewiggestrige zu verstehen. Das ist sehr verständlich, denn niemand hat
ihnen erklärt, was dies bedeutet und zu dichterischer Sprache haben sie keinen
Zugang mehr – selbst, wenn sie in der Lage wären, diese überhaupt zu erkennen.
Insofern hat David Steindl-Rast völlig Recht, wenn es ihm
darum geht, den Text verständlich zu machen und ihn nicht zu ersetzen. Insofern
sollte sein Buch Pflichtlektüre für das Theologiestudium sein.
Und da kommen wir zu einem Problem: Viele Vertreter und
Verkünder christlichen Glaubens, in welcher Form auch immer, verstehen das
Credo nicht in der Form wie David Steindl-Rast. Sie können oder wollen es so
nicht verstehen.
Für sie bleibt die Jungfrauengeburt ein unangreifbares
Dogma. Und wehe dem, der daran zweifelt. Einer amerikanischen Theologin wurde
für diesen Zweifel schon einmal ihr Auto abgefackelt. Nun, es hätte durchaus
noch schlimmer kommen können.
Da viele konservative Christen ein Problem mit Sex haben,
ist es für sie unvorstellbar, Jesus könne auf ganz natürliche Weise gezeugt und
zur Welt gekommen sein. Würde ihr Glaube zusammenbrechen, wenn irgendwie
herauskäme, dass Maria gar nicht Jungfrau war?
Es gibt noch eine andere Erklärung: Nämlich die, das bei der
Übersetzung der Bibel vom Hebräischen ins Altgriechische aus eine „jungen Frau“
eine „Jungfrau“ wurde. Dies wäre ein Übersetzungsfehler mit fatalen Folgen.
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