Was heißt das eigentlich?
Wenn wir glauben im Sinne von tief auf etwas vertrauen dann
bekommen wir das ins Blickfeld, was wir Gott nennen können. Wenn wir überhaupt
wagen wollen, es zu benennen.
Mein Vertrauen auf etwas ist stark genug, um mein Herz
darauf zu setzen. Das ist etwas ganz anderes als eine Sammlung von
Glaubenssätzen, die ich für wahr halte. Gott bedeutet hier nichts anderes als
das, worauf ich mein äußerstes Vertrauen setze – ohne jede weitere Vorstellung
davon, wer oder was Gott ist. Das Wort Gott ist hier Wegweiser für eine
Zugehörigkeit, die allein dem Leben Sinn schenkt. Gott steht für den Zielpunkt
der abgrundtiefen Sehnsucht des menschlichen Herzens nach letztem Sinn. Von
dieser Sehnsucht lässt sich das Vertrauen auf ihre Erfüllung nicht wegdenken.
Unser Vertrauen, dass sie gestillt wird, gehört wesentlich zu ihr. Dieses
Vertrauen ist der Ur-Glaube an Gott.
Woher wissen wir das?
Aus Erfahrung. Was bedeutet es eigentlich, wenn wir sagen,
das uns etwas bewusst wird? Das heißt ja, dass uns etwas anspricht
und wir es dann als inneres Wort aussprechen. Das setzt ein Gegenüber voraus.
Dieses innere Ur-Gegenüber können wir Gott nennen. Ist dir schon einmal
aufgefallen, dass das, was du erlebst, in dir zu einer Geschichte gestaltet
wird, die du innerlich jemandem erzählst? Die Tatsache inneren Erzählens setzt
einen Zuhörer voraus, an dessen Anteilnahme wir glauben, ohne uns das klar
bewusst zu machen. So gesehen ist Gottesbewusstsein die Voraussetzung unseres
bewussten Seins überhaupt, lange bevor uns eine konkrete Gotteserfahrung zuteil
wird.
Viele Menschen haben aus gut nachvollziehbaren Gründen
Schwierigkeiten mit dem Begriff Gott. Zu oft wurde und wird er missbraucht. Wir
können für Gott auch Ausdrücke wie „Letzte Wirklichkeit“, „Urgrund des Seins“
oder „Quelle aller Lebendigkeit“ benutzen. Letztlich geht es darum zu
verstehen, was mit dem Begriff Gott hier im Zusammenhang des
Glaubenbekenntnisses gemeint ist.
In unseren wachsten lebendigsten Momenten, in sogenannten
Gipfelerlebnissen, fühlen wir uns mit einer Wirklichkeit verbunden, die weit
über unser begrenztes Selbst hinausgeht. Unsere tiefste Zugehörigkeit – und
somit Gott – wird uns bewusst und gläubiges Vertrauen quillt spontan auf. Wir
können dies als eine mystische Erfahrung betrachten.
Solche Gipfelerfahrungen scheinen alle Menschen zu haben.
Was die hervorragenden von den gewöhnlichen unterscheidet, ist die Art und
Weise, wie sie mit dem Erlebten umgehen. Was Menschen geistig groß und gesund
macht, ist, dass sie ihr Leben von ihren mystischen Erfahrungen prägen lassen,
sie nicht vergessen oder verdrängen, sondern sich nach ihnen ausrichten. So
entspringt z.B. aus dem Bewusstsein grenzenloser Zugehörigkeit ein
Gemeinschaftsgefühl, das alle Menschen einschließt, und die Bereitschaft,
danach zu handeln. Aus der überwältigenden Erfahrung des Wahren, Schönen und
Guten entspringt ein dankbares Wachsein für die Gaben, die jeder Augenblick uns
schenkt.
Zwar verblassen solche Gipfelerfahrungen, doch wir haben die
Wahl: Wir können danach handeln und das heißt gläubig – also voller Urvertrauen
– leben. Und dies im täglichen Umgang mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen
in unserem Leben. Je mehr wir dies tun, desto höher entwickelt sich unsere
Gottverbundenheit und umso klarer finden wir Sinn im Leben.
Warum ist das so wichtig?
Nichts ist uns Menschen wichtiger, als im Leben Sinn zu
finden. Günstige Lebensumstände können uns nur kurz- bis mittelfristig
befriedigen. Oft bleibt dennoch ein Gefühl innerer Leere. Wir suchen immer nach
irgendeiner Form von Zugehörigkeit.
Unsere tiefste Zugehörigkeit ist die zu Gott. Daher ist es
wichtig zu wissen, was das Wort Gott für uns persönlich bedeutet. Die Form, in
welcher sich unser Gottesglaube ausdrückt, ist nicht von letzter Wichtigkeit,
sie kann sich ändern. Es gibt viele Glaubensüberzeugungen, aber nur einen
Glauben.
Im Credo geht es um das unbegreifliche Du – nämlich Gott als
Gegenüber, das mir entgegenwartet und mich erst dadurch zum Ich macht. Zum Ich,
das mit göttlichem Leben lebendig ist (Christus in uns). Diese beiden Pole,
Gott und Ich sind im lebendigen Glauben innerhalb der einen göttlichen
Wirklichkeit vereint.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Im Credo geht es nicht um Argumente für oder wider Gottes
Existenz. Auch dem menschlichen Herzen geht es nicht um solche Spekulationen,
sondern um Erkenntnis jenseits dessen, was der Verstand kennt. Kennen wir jene
allumfassende Zugehörigkeit, die den Gegenpol darstellen zu Verlassenheit und
Verzweiflung? Sicher hatten wir schon einmal ein Gipfelerlebnis, bei dem wir
uns daheim gefühlt haben im All, wenn auch nur einen Augenblick lang. Wir
dürfen das Geschenk eines solchen Augenblicks nur nicht vergessen. Es gilt, uns
täglich daran zu erinnern, das wir „dazugehören“. Nur das gläubige Ich weiß, wo
es steht. Unser kleines Ego wird nur ankerlos umhergeschwenkt.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Auch wenn es sich hier um das christliche Credo handelt, so
ist doch bisher von keinerlei christlichen Gottesvorstellungen die Rede. Bis
hierhin kann wohl jeder, der an etwas „Jenseitiges“ glaubt, mitsprechen. Die
meisten Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass unsere tiefste Sehnsucht auf
der weltlichen Ebene nur bedingt erfüllbar sind. Der tolle Job, das schöne
Haus, das neue Auto – wenn wir diese Dinge benutzen, um unsere tiefste
Sehnsucht zu befriedigen, bleibt spätestens nach eine gewissen Zeit eine innere
Leere. „Da muss doch noch etwas sein“ denken wir dann. Und wenn die Sehnsucht
bleibt, dann muss es auch tatsächlich etwas geben, dass sie erfüllt, sonst wäre
sie nicht da. Nichts in unserem Universum ist sinnlos. Dies ist für mich ein
klarer Hinweis auf Gott.
Gipfelerlebnisse zeigen uns eine göttliche Wirklichkeit. Der
ganz wichtige Punkt ist hier, dies in unseren Alltag zu integrieren. Sonst
rennen wir von Gipfelerlebnis zu Gipfelerlebnis, von einem Erleuchtungsworkshop
zu nächsten – und der esoterische Supermarkt hält genügend davon bereit. Diese
Integration erfordert den Einsatz unseres Willens und eine gewisse Disziplin.
Sonst wird das nichts.
Wir können die göttliche Gegenwart nicht mit dem Verstand
erfassen. Doch auch unser Verstand möchte glauben. Wenn wir uns auf eine
Glaubensform einlassen, benötigt unser Verstand hinreichende Gewissheit, dass
wir nicht irgendwelchem Hokuspokus auf dem Leim gehen. Und gleichzeitig müssen
und können wir einsehen, das es Ebenen gibt, die dem Verstand nicht zugänglich
sind. Um es klar zu sagen: Es gibt keinen absolut sicheren Beweis dafür, dass
es die göttliche Ebene überhaupt gibt und dass das Ganze nicht einfach eine
Einbildung unserer Psyche ist. Ab einem bestimmten Punkt, wenn wir genügend
Indizien haben, können wir uns dafür entscheiden, dieser göttlichen Ebene zu
vertrauen. Ich finde das äußerst vernünftig.
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