Was heißt das eigentlich?
Auch Schöpfung / der Schöpfer ist nur ein bildlicher
Ausdruck und kann irreführen. Der größte Irrtum wäre, anzunehmen, es handle
sich um einen Anstoß von außen. Die schöpferische Kraft im Weltall ist zwar ein
Geschenk, wirkt aber als Begabung von innen. Sie ist eins mit dem
Selbstverwirklichungsimpuls von allem, was es gibt. Die Triebhaftigkeit jedes
Schöpfungsprozesses ist Liebe. Sie bewegt selbst das kleinste Teilchen des
Universums von innen her. Alles, was es gibt, gehört untrennbar zusammen.
Gott als unser Schöpfer ist ein Gegenüber, mit dem wir doch
im Innersten eins sind.
Himmel und Erde bedeutet: Alles, was es gibt, alles
Sichtbare und Unsichtbare. Wir können statt Himmel und Erde auch Bewusstsein
und Materie sagen. Oder manifestierte und un-manifestierte Wirklichkeit. Das
kommt unserem heutigen Verständnis näher. Erde bedeutet alles, was unseren
Sinnen zugänglich ist, was schon verwirklicht ist. Himmel bedeutet alles, was
noch „in Gott verborgen“ ist. Oder wir sagen: Das Nichts, aus dem Gott alles
erschafft, ist Gott. Damit nähren wir uns dem Buddhismus an.
Wir müssen Bilder finden, die uns helfen, dürfen aber nie
vergessen, dass es nur Bilder sind.
Woher wissen wir das?
Um von innen heraus zu verstehen, was SCHÖPFER DES HIMMELS
UND DER ERDE bedeutet, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf zwei Wahrnehmungen
richten, nämlich auf Gegenwart und Dankbarkeit. Gegenwart nicht als den
gegenwärtigen Augenblick, sondern im Sinne eines persönlichen Gegenübers.
Wir erleben die Welt als sinnträchtig, schwanger mit
Bedeutung. Jedes Ding sagt etwas aus, in jedem Ding, und sei es noch so klein,
spricht uns etwas an. Wir müssen dafür vielleicht ein wenig introspektiv
experimentieren, indem wir ein paar stille Minuten mit einem Stein oder einer
Blume verbringen. Hinter den Dingen begegnen wir einer Gegenwart, die uns
„entgegenwartet“, die uns etwas sagt. Oder schweigend auf unsere Antwort
wartet. Diese allgemein menschliche Erfahrung steht hinter dem „Gott sprach…und
es ward.“ In allem, was es gibt, spürt unser horchendes Herz den Pulsschlag
einer größeren Gegenwart, auf die wir uns gläubig verlassen dürfen. Und je mehr
wir uns darauf verlassen, desto mehr erfahren wir diese Verlässlichkeit. Und
dies führt uns zu dem Stichwort Dankbarkeit.
Wir erfahren alles, was es gibt, selbst unser eigenes
Dasein, als uns geschenkt. Das Es, von dem es uns geschenkt wird, schwingt mit,
wenn wir im Credo Gott Schöpfer nennen. Unpersönliche Begriffe wie „Ursprung“
oder Quelle“ vermeiden allerlei Missverständnisse, die das Bild von Gott als
dem Schöpfer verursachen kann. Allerdings bekommen sie das persönliche Du nicht
in den Blick, das mir überhaupt erst mein Ich-Bewusstsein gibt – und auch das
wieder als Geschenk.
Wir wissen also aus ganz persönlicher Erfahrung von einem
verlässlichen Gegenüber, dem wir alles verdanken.
Warum ist das so wichtig?
Unsere bewusste Ausrichtung auf das Es, dem wir alles
verdanken, was es gibt, macht uns dankbar. Und Dankbarkeit macht schöpferisch.
Wenn wir wach werden, für die unzähligen Gelegenheit, uns zu freuen, die wir
vorher freudlos als gegeben hinnahmen, dann vervielfältigt sich mit einem
Schlag unsere Lebensfreude. Wir kommen in Übung und lernen, jede gegebene
Gelegenheit beim Schopf zu packen. So lernen wir, auch mit Gelegenheiten
schöpferisch umzugehen, in denen uns etwas begegnet, wofür wir nicht dankbar
sein können. Wir fragen uns ganz spontan: „Wozu schenkt mir das jetzt
Gelegenheit?“
Wir erleben jeden Augenblick als einen „gegebenen“. Wie wir
dazu Stellung beziehen, steht uns frei. Was wir aus diesem Augenblick machen,
darin besteht unser Mitwirken am Schöpfungsprozess, der eben noch nicht
abgeschlossen ist. Das Wesen göttlicher Schöpfung ist Geschenk, das Wesen
menschlicher Schöpfung ist Dankbarkeit. So nehmen wir Teil am göttlichen Leben
selbst.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Schöpfung ist Tun aus Stille und Sammlung. In unserem
meditativen Denken wird uns die göttliche Gegenwart auf drei grundlegende
Weisen bewusst: einmal als das unergründliche Geheimnis, aus dem alles
aufsteigt und in das alles zurücksinkt; dann als die unerschöpfliche Fülle von
allem, was es gibt; und schließlich als unermüdliche Dynamik –Sehnen,
Verlangen, Wissbegierde, Kreativität, liebende Lebendigkeit. Ein Vorgang, bei dem
wir mitspielen, als Tanz, den wir mittanzen.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Die größte Herausforderung liegt hier darin, Gott/die
schöpferische Kraft gleichzeitig als in uns wie auch als (inneres) Gegenüber zu
betrachten. Die Schöpfung als Geschenk zu betrachten und gleichzeitig als
Ergebnis des in allem steckenden Selbstverwirklichungsimpulses.
Die Schwierigkeit rührt daher, dass wir in unserer
westlichen Kultur sehr einem entweder-oder Denken verhaftet sind. Etwas ist
entweder richtig oder falsch, innen der außen. Im Osten hat man damit weniger
Probleme.
Unser dualer Verstand wird das nie vollständig erfassen
können. Doch wir haben ja mittlerweile erkannt, dass wir nicht alles mit dem
Verstand erfassen können.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen