Mittwoch, 27. Januar 2016

"GEKREUZIGT"

Was heißt das eigentlich?


Die Kreuzigung war eine Strafe für politische Verbrecher, nicht für religiöse. Jesus muss den politischen Autoritäten also als ernsthafte Gefahr erschienen sein.

In Jesus wurde der gesamte Bereich menschlicher Wirklichkeit durchsichtig für die übersinnliche Gotteswirklichkeit. Wenn nun ausgesagt wird, dass diese sinnfällige (1 Joh 1,1) Gegenwart Gottes GEKREUZIGT wurde, dann heißt das: Wir können Gott sogar im grauenhaftesten Tod begegnen. Selbst am Kreuz, das Gottes Abwesenheit schreiend zu beweisen scheint, ist Gott gegenwärtig. Dieses GEKREUZIGT im Credo heißt also, dass es nichts im Leben oder Tod geben kann, in das wir nicht mit Gottvertrauen hineingehen können, kein Unrecht, kein Leid, keine Katastrophen, in denen wir Gott nicht finden können. Im Augenblick seiner äußersten Abwesenheit ist Gott gegenwärtig. Ob Jesus für uns oder für unsere Sünden gekreuzigt wurde, darüber sagt das Credo nichts aus.

Woher wissen wir das?


Jesu Kreuzigung ist eine wohlbezeugte geschichtliche Tatsache. Was ihn so gefährlich machte, war seine radikale Spiritualität, sich an Gott auszurichten statt an den Normen der Gesellschaft. Er war ein Aufrührer. Sein „Reich Gottes“ stand im radikalen Widerspruch zur vorherrschenden Gesellschaftsordnung.
Er verbrüderte sich mit den Ausgestoßenen, sein Blick drang durch jede soziale Maske und schaute direkt auf das strahlende Selbst jedes Menschen. Damit gab er den Entmachteten ein Gefühl der Würde, Verunsicherte konnten aufrecht stehen. Den Mächtigen blieb er es an Unterwürfigkeit schuldig.

Jesus betonte, dass ein wacher Verstand, ein „gesunder Menschenverstand“ zur Gottesbeziehung gehöre. Er wehrte sich gegen eine langweilige Spiritualität, die den Status Quo um jeden Preis bewahren will und für die man das eigenen Denken aufgeben muss. Jesus ermächtigte seine Zuhörer dazu sich mittels des ihnen von Gott geschenkten Verstandes selber ein Urteil zu bilden. Dieser stellte geradezu den Gegenpol zum konventionellen Denken dar. Durch ihn spricht der Heilige Geist im Menschenherzen. Jesus maßt sich nicht selber die höchste Autorität an – er appelliert an die Autorität Gottes in den Herzen seiner Hörer: Gott spricht zu uns durch unseren gesunden Menschenverstand. Dies drückt sich auch in den von ihm benutzten Gleichnissen aus. Dadurch löste seine Lehre eine gewaltige Autoritätskrise aus. Jesus ermächtigte seine Hörer, für sich selbst zu denken, das hatte ungeheuere politische Konsequenzen. Es war damals, und ist heute noch, bedrohlich für alle autoritären Strukturen. Deshalb wurde er gekreuzigt.

Für die einfachen Leute galt: „Sie waren außer sich über seine Lehre, denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hat. Nicht wie die Schriftgelehrten“ (Mk 1,22). Das haben ihm die Schriftgelehrten nie verziehen. Diese machten ihre Zuhörer klein, Jesus hob sie über sich selbst hinaus. Damit war Jesu Schicksal besiegelt.

Warum ist das so wichtig?


Die Todesursache Jesu im Credo zu bekennen, heißt mehr als einfach nur ein historisches Faktum festzuhalten. An einen gekreuzigten Verlierer zu glauben, heißt, für eine eher ungewöhnliche Werteskala einzutreten: für eine Gegenkultur mit utopischen Idealen: Das „Reich Gottes“, eine Weltordnung, die nicht auf Mächtigkeit, sondern auf Gerechtigkeit gründet. Daran zu glauben bedeutet auch heute, gegen den Strom zu schwimmen, das Leid anderer, wo immer möglich, zu lindern und das eigene im Vertrauen auf Gottes Liebe so zu tragen, dass wir vielleicht einen Sinn darin finden.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast


Wir sprechen heute davon, „jemand hat ein schweres Kreuz“ zu tragen. Z.B. zieht er den Kürzeren, weil er aufrichtig ist. Jesus wurde gekreuzigt, weil er tat, was Treue zu Gott von ihm verlangte. Wenn auch ich das tue, dann sind wir ans gleiche Kreuz genagelt.

Wenn wir den inneren Widerstand gegen Leid und Schmerz aufgeben und nüchtern zugeben: „Was ist, das ist“, dann können wir inneren Frieden und tiefe Freudigkeit erkennen. Viel Leid kommt vom inneren Widerstand gegen den Schmerz.
Das bedeutet nicht Resignation, sondern genau das Gegenteil. Wenn wir die gegebene Lage als gegeben (dankbar) annehmen, dann wird plötzlich Energie verfügbar, die wir bisher an unseren Widerstand vergeudeten. Darum sind wir jetzt in fähig, aus unserer Lage etwas zu machen – und oft erstaunlich mehr, als wir uns zugetraut hätten.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten


Das Gott auch in Zeiten höchsten Leids da ist, ist eine gute Nachricht. Die Frage, warum es dies nicht verhindern konnte, hatten wir bereits besprochen.

Viele Christen interpretieren Jesu Kreuzigung so, dass es für unsere Sünden gestorben sei. Zum einen versteht dies niemand wirklich. Zum anderen lässt sich dies hervorragend als moralisches Druckmittel einsetzen. Viel spirituellen Missbrauch hat es schon gegeben, weil man Menschen, insbesondere Kindern, damit ein schlechtes Gewissen gemacht hat. Außerdem lenkt diese Interpretation von der radikalen und auch heute noch sehr unbequemen politischen Bedeutung ab, die Jesu Kreuzigung nun mal hatte. Auch heute schwimmen sich religiös nennende Menschen lieber mit als gegen den Strom. Und die gesellschaftlich Ausgestoßenen sind in vielen heutigen kirchlichen Kreisen auch nicht besonders gerne gesehen.

Das Gott in Form des gesunden Menschenverstandes durch den Heiligen Geist in unseren Herzen spricht, nunja, dies wird auch heute so mancher kirchliche „Würdenträger“ nicht so gerne lesen. Es könnte seine Autorität in Frage stellen.


Allerdings muss man feststellen, das es mit dem gesunden Menschenverstand nicht so einfach ist. Der benötigt ein wenig Training.

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