Was heißt das eigentlich?
Die Kreuzigung war eine Strafe für politische Verbrecher,
nicht für religiöse. Jesus muss den politischen Autoritäten also als ernsthafte
Gefahr erschienen sein.
In Jesus wurde der gesamte Bereich menschlicher Wirklichkeit
durchsichtig für die übersinnliche Gotteswirklichkeit. Wenn nun ausgesagt wird,
dass diese sinnfällige (1 Joh 1,1) Gegenwart Gottes GEKREUZIGT wurde, dann
heißt das: Wir können Gott sogar im grauenhaftesten Tod begegnen. Selbst am
Kreuz, das Gottes Abwesenheit schreiend zu beweisen scheint, ist Gott
gegenwärtig. Dieses GEKREUZIGT im Credo heißt also, dass es nichts im Leben
oder Tod geben kann, in das wir nicht mit Gottvertrauen hineingehen können,
kein Unrecht, kein Leid, keine Katastrophen, in denen wir Gott nicht finden
können. Im Augenblick seiner äußersten Abwesenheit ist Gott gegenwärtig. Ob
Jesus für uns oder für unsere Sünden gekreuzigt wurde, darüber sagt das Credo
nichts aus.
Woher wissen wir das?
Jesu Kreuzigung ist eine wohlbezeugte geschichtliche
Tatsache. Was ihn so gefährlich machte, war seine radikale Spiritualität, sich
an Gott auszurichten statt an den Normen der Gesellschaft. Er war ein
Aufrührer. Sein „Reich Gottes“ stand im radikalen Widerspruch zur
vorherrschenden Gesellschaftsordnung.
Er verbrüderte sich mit den Ausgestoßenen, sein Blick drang
durch jede soziale Maske und schaute direkt auf das strahlende Selbst jedes
Menschen. Damit gab er den Entmachteten ein Gefühl der Würde, Verunsicherte
konnten aufrecht stehen. Den Mächtigen blieb er es an Unterwürfigkeit schuldig.
Jesus betonte, dass ein wacher Verstand, ein „gesunder
Menschenverstand“ zur Gottesbeziehung gehöre. Er wehrte sich gegen eine
langweilige Spiritualität, die den Status Quo um jeden Preis bewahren will und
für die man das eigenen Denken aufgeben muss. Jesus ermächtigte seine Zuhörer
dazu sich mittels des ihnen von Gott geschenkten Verstandes selber ein Urteil
zu bilden. Dieser stellte geradezu den Gegenpol zum konventionellen Denken dar.
Durch ihn spricht der Heilige Geist im Menschenherzen. Jesus maßt sich nicht
selber die höchste Autorität an – er appelliert an die Autorität Gottes in den
Herzen seiner Hörer: Gott spricht zu uns durch unseren gesunden
Menschenverstand. Dies drückt sich auch in den von ihm benutzten Gleichnissen
aus. Dadurch löste seine Lehre eine gewaltige Autoritätskrise aus. Jesus
ermächtigte seine Hörer, für sich selbst zu denken, das hatte ungeheuere
politische Konsequenzen. Es war damals, und ist heute noch, bedrohlich für alle
autoritären Strukturen. Deshalb wurde er gekreuzigt.
Für die einfachen Leute galt: „Sie waren außer sich über
seine Lehre, denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hat. Nicht wie die
Schriftgelehrten“ (Mk 1,22). Das haben ihm die Schriftgelehrten nie verziehen.
Diese machten ihre Zuhörer klein, Jesus hob sie über sich selbst hinaus. Damit
war Jesu Schicksal besiegelt.
Warum ist das so wichtig?
Die Todesursache Jesu im Credo zu bekennen, heißt mehr als
einfach nur ein historisches Faktum festzuhalten. An einen gekreuzigten
Verlierer zu glauben, heißt, für eine eher ungewöhnliche Werteskala
einzutreten: für eine Gegenkultur mit utopischen Idealen: Das „Reich Gottes“,
eine Weltordnung, die nicht auf Mächtigkeit, sondern auf Gerechtigkeit gründet.
Daran zu glauben bedeutet auch heute, gegen den Strom zu schwimmen, das Leid
anderer, wo immer möglich, zu lindern und das eigene im Vertrauen auf Gottes
Liebe so zu tragen, dass wir vielleicht einen Sinn darin finden.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Wir sprechen heute davon, „jemand hat ein schweres Kreuz“ zu
tragen. Z.B. zieht er den Kürzeren, weil er aufrichtig ist. Jesus wurde
gekreuzigt, weil er tat, was Treue zu Gott von ihm verlangte. Wenn auch ich das
tue, dann sind wir ans gleiche Kreuz genagelt.
Wenn wir den inneren Widerstand gegen Leid und Schmerz
aufgeben und nüchtern zugeben: „Was ist, das ist“, dann können wir inneren
Frieden und tiefe Freudigkeit erkennen. Viel Leid kommt vom inneren Widerstand
gegen den Schmerz.
Das bedeutet nicht Resignation, sondern genau das Gegenteil.
Wenn wir die gegebene Lage als gegeben (dankbar) annehmen, dann wird
plötzlich Energie verfügbar, die wir bisher an unseren Widerstand vergeudeten.
Darum sind wir jetzt in fähig, aus unserer Lage etwas zu machen – und oft
erstaunlich mehr, als wir uns zugetraut hätten.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Das Gott auch in Zeiten höchsten Leids da ist, ist eine gute
Nachricht. Die Frage, warum es dies nicht verhindern konnte, hatten wir bereits
besprochen.
Viele Christen interpretieren Jesu Kreuzigung so, dass es
für unsere Sünden gestorben sei. Zum einen versteht dies niemand wirklich. Zum
anderen lässt sich dies hervorragend als moralisches Druckmittel einsetzen.
Viel spirituellen Missbrauch hat es schon gegeben, weil man Menschen,
insbesondere Kindern, damit ein schlechtes Gewissen gemacht hat. Außerdem lenkt
diese Interpretation von der radikalen und auch heute noch sehr unbequemen
politischen Bedeutung ab, die Jesu Kreuzigung nun mal hatte. Auch heute
schwimmen sich religiös nennende Menschen lieber mit als gegen den Strom. Und
die gesellschaftlich Ausgestoßenen sind in vielen heutigen kirchlichen Kreisen
auch nicht besonders gerne gesehen.
Das Gott in Form des gesunden Menschenverstandes durch den
Heiligen Geist in unseren Herzen spricht, nunja, dies wird auch heute so
mancher kirchliche „Würdenträger“ nicht so gerne lesen. Es könnte seine
Autorität in Frage stellen.
Allerdings muss man feststellen, das es mit dem gesunden
Menschenverstand nicht so einfach ist. Der benötigt ein wenig Training.
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