Mittwoch, 27. Januar 2016

"GESTORBEN"

Was heißt das eigentlich?


Dieses GESTORBEN im Credo wird sehr leidenschaftlich diskutiert. Das überrascht, denn die Meinung ist weit verbreitet, dass es nur eine einzige undiskutable christliche Interpretation für den Tod Jesu gäbe: Jesus starb für unsere Sünden – als „Lösegeld“. Wie das so oft ausgedrückt wird. Ist das wirklich so?

Wie konnte es überhaupt zu der Vorstellung kommen, das Jesu Tod das Lösegeld für unsere Sünden sei? Diese Vorstellung finden wir zuerst bei Paulus: „Christus ist für unsere Sünden gestorben.“ (1 Kor 15,3). Später gab Anselm von Canterbury (1011-1109) diese Interpretation ihre klassische Form.
Die größte Herausforderung der christlichen Urgemeinde bestand darin, im Lichte der Auferstehung zu begreifen, warum Gott den Tod Jesu am Kreuz zugelassen hatte. Dafür kamen ihnen Schriftstellen beim Propheten Jesaja zu Hilfe: „…Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünden willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf das wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,4 f).
Das musste für die Jünger Jesu klingen, als wäre es ihnen aus dem Herzen gesprochen. Durch sein Leben und seine Lehre hatte Jesus sie innerlich und äußerlich geheilt. Jesaja gab diesem schändlichen Tod Sinn. Die ersten Christen waren überzeugt, dass er aufgrund prophetischer Schau von Jesus Christus gesprochen hatte.

Diese Interpretation des Kreuzestodes stellt zum Teil eine Fehlentwicklung dar, von der wir uns befreien können. Schauen wir, wie es dazu kam:

  1. Der Bericht vom Kreuzestod Jesu hatte von Anfang an mit Sündenvergebung zu tun. Er hatte seinen Jüngern durch sein Leben und seine Lehre das gläubige Vertrauen vermittelt, dass Gott ihre Sünden vergeben hatte. Deshalb kam er mit dem offiziellen priesterlichen Sündenvergebungsapparat in Konflikt und wurde hingerichtet. In seiner Auferstehung sahen seine Jünger aber seine Rechtfertigung durch Gott.
  2. Das „Für unsere Sünden“ wird im Markusevangelium als „Lösegeld“ angedeutet. Dieser Begriff stammt aus der Rechtssprache und ist mit dem Geist Jesu schwer vereinbar.
  3. Das metaphorisch zu verstehende Bild vom Lösegeld wird wörtlich genommen.
  4. Das ursprünglich dichterische Bild wird verwendet, als ob es ein theologischer Begriff wäre.
  5. Die übrigen neutestamentlichen Bilder für das Heilswerk Jesu werden vom Bild des stellvertretenden Todes völlig überschattet, und warten darauf, in ihrer Bedeutung wiederentdeckt zu werden.

Das Ergebnis dieser Entwicklung engt die Bedeutung von Jesu Tod ein. Daher fällt vielen Menschen das Verständnis vom GEKREUZIGT im Credo schwer.

Schauen wir uns die einzelnen Punkte erneut an:

  1. Jesus stellt Gott im Bild seines Vaters dar, der seinem Sohn überschwänglich vergibt. Und er sagt mit voller Gewissheit schuldgedrückten Menschen Gottes Vergebung zu. Das war gefährlich, denn Sündenvergebung war der Priesterschaft vorbehalten. Dies brachte Jesus die Anklage der Gotteslästerung ein, und darauf stand die Todesstrafe.
    Als Mystiker wusste Jesus aber, das Gott all-verzeihend ist. Er wusste auch, wie schwer es uns fällt, die verzeihende Liebe Gottes anzunehmen, weil das ja von uns verlangen würde, nun selber anderen jede Schuld zu vergeben. Damit bräche unser kunstvoll errichtetes Gebäude von Schuld und Rache zusammen.
    Alle, die das durch Jesus einsehen lernten, atmeten jetzt freier; sie lebten von nun an mitten in dieser Welt in einer anderen Wirklichkeit, eben im „Reich Gottes“. Sündenvergebung ist das Herzstück Jesu heilenden Wirkens.
    Für die Jünger Jesu war das völlig klar, denn sie waren von ihrem Schuldbewusstsein befreit. Für sie war Jesus gemäß der Schrift – nämlich gemäß Jesaja 53,5 – gestorben.
  2. Zur Zeit des Markusevangeliums heißt es für die Christen: Jesus hat das Lösegeld für ihre Freiheit bezahlt. Das macht es sehr einfach, über die Erlösung zu sprechen. Für den Unterricht und für die Katechese sind solche Vereinfachungen wichtig. Allerdings bahnt sich hier auch der Übergang vom Bericht zur Auslegung an.
    Der Bericht lautete: „Durch die Begegnung mit Jesus und durch seine Lehre wissen wir, das Gott unsere Schuld vergeben und uns ein ganz neues, freudiges Bewusstsein von Freiheit geschenkt hat. Jesus aber hat es das Leben gekostet.“
    Die Auslegung ist zunächst nur eine bildliche Redewendung, wenn wir etwa sagen, dass eine Leistung uns „viel gekostet“ hat, dass wir einen „hohen Preis“ dafür bezahlen mussten. Paulus argumentierte so: „Ihr wurdet um einen teuren Preis erkauft“ (1 Kor 7,23).

    Jesu Tod wird so als stellvertretender Tod für Sünder verstanden. Das hat sich so eingefahren, dass es für viele Christen heute schwer ist, über diesen legalistischen Denkrahmen hinauszublicken. Dieses Bild überwuchert bis heute alle anderen frühchristlichen Bilder für die Erlösung. Dabei stellt es einen Rückfall in eine legalistische Denkweise dar, der Jesus sich mit seiner Lehre vom all-vergebenden Gott entgegenstemmte.
  3. Die unglückliche Wortwahl entwickelte sich von einer Sprachmetapher in eine mythologische Allegorie. Eine solche kann aber nicht wörtlich genommen werden. Sie ist vergleichbar mit Redewendungen wie „Vater des Vaterlandes“, „eine Erfolgswelle nützen“, „einen Krieg entfesseln“ – oder eben „Sein Leben als Lösegeld geben“.
  4. Solange das mythische Weltbild vorherrschte, zerbrachen sich die größten Geister ihrer Zeit die Köpfe darüber, ob Gott oder der Teufel Anspruch hatte auf dieses Lösegeld, dass Jesus durch seinen Tod für Sünder bezahlen musste. Viele meinten, der Teufel sei der rechtmäßige Gläubiger gewesen. Erst Anselm von Canterbury (1011-1109) sah dies anders. Für ihn war Sünde eine Beleidigung Gottes, und zwar eine so große, dass nur ein Gott ebenbürtiger Mensch – nämlich Jesus Christus – sie mit seinem Tod sühnen konnte.
    Nun war zwar der Teufel aus dem Spiel, aber mit was für einem Gottesbild standen die Theologen jetzt da? Ein Gott, der als Sühne für eine Ehrenbeleidigung den Tod seines eigenen Sohnes verlangt? Der Gegensatz zum Gottesbild, das Jesus lehrte, könnte krasser nicht sein. Und doch wird Anselm bis heute von den Kanzeln gepredigt. Kein Wunder, dass unter diesen Kanzeln viel Platz auf den Kirchenbänken ist.
  5. Ein heute zeitgemäßes Verständnis des GESTORBEN im Credo verlangt von uns zweierlei: Wir müssen uns von den Missverständnissen befreien, die dem Satz „Jesus ist gestorben als Lösegeld für unsere Sünden“ anhaften. Und wir müssen uns neu besinnen auf andere urchristliche Verständnismodelle für den Tod Jesu. Drei Beispiele:

    1) Jesus ist gestorben, um Frieden zu stiften.
    Das Kreuz gilt in vielen spirituellen Traditionen als Friedenszeichen. Das Lebenswerk Jesu war es, Menschen zu helfen, untereinander, mit sich selbst und mit Gott Frieden zu finden. Er betet bis zuletzt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,24).
    Das Kreuz wird zum Pluszeichen, das schon bald nach seiner Auferstehung Menschen verschiedenartiger Herkunft in der einen Kirche verbindet.

    2) Jesus ist gestorben, um den Tod zu überwinden.
    Die frühe Kirche sah Jesus Christus am Kreuz als Sieger: „Das Leben hat den Tod überwunden! Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo bleibt deine Macht? Der Tod hat Macht durch die Sünde, und die Sünde hat ihre Kraft durch das Gesetz. Aber gelobt sei Gott, der uns den Sieg schenkt durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ (1 Kor 15,54-57). Der Tod Jesu ist für den Glauben untrennbar eins mit seiner Auferstehung.

    3) Jesus ist gestorben, um eine Bahn zu brechen zur wahren Freude.
    Dieses Vorstellungsmodell spricht von Jesus als Pionier und Vollender unseres Glaubens, „der um der Freude willen, die vor ihm lag, der Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete“ (Heb 12,2). „Pionier“ des Glaubens ist Jesus, weil er im Vertrauen auf Gott einen noch völlig unerforschten Weg geht. „Vollender“ ist er, weil er auf diesem Weg bis in den Tod standhaft bleibt und so zum Bahnbrecher wird. Jesus ist Wegbereiter für alle, die ihm nachfolgen. Er geht ihnen voran.

Woher wissen wir das?


GESTORBEN schließt an ein früher im Credo erwähntes GEBOREN an. Wir haben es also mit der vollen menschlichen Wirklichkeit zu tun, von der Geburt bis zum Tod. Um diese Wirklichkeit wissen wir aus Erfahrung. Gottesbegegnung findet in der geschichtlichen Wirklichkeit statt, in die unser eigenes Leben und Sterben uns hineinstellt. Nicht im Bereich philosophischer oder theologischer Spekulationen, sondern im täglichen Leben – also auch in unserer Todeserfahrung – begegnen wir der lebendigen Gegenwart Gottes. Die Augen des Glaubens sehen das ganze Leben als Geschenk Gottes – auch den Tod.

Die gläubige Haltung, die wir nur aus persönlicher Erfahrung kennen können, gibt unserem Leben Sinn und so auch unserem Tod – die beiden sind ja untrennbar eins.

Warum ist das so wichtig?


Geboren werden und Sterben gehören zum vollen Menschsein Jesu Christi. Beides gehört zu dem Wort Gottes, das aus jedem Menschenleben spricht – von Anfang bis Ende. Es gibt mir Mut, gläubig zu vertrauen, dass Gott mir im Sterben so nahe ist wie im Leben.

In diesem Mittelteil des Glaubensbekenntnisses geht es um Abstieg (in den Tod) und Aufstieg (Auferstehung). Es geht um transitus – Durchgang durch den Tod in unzerstörbares Leben.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast


Dazu ist anzumerken, das David Steindl-Rast, geboren 1926, in jungen Jahren in Wien kriegsbedingt in Todesnähe heranwuchs. Aus Respekt zitiere ich ihn hier, leicht gekürzt, im Original:

…Mir ist meine Jugend als eine Zeit strahlender Lebensfreude in Erinnerungen. Bombenangriffe töteten täglich Unzählige, unsere älteren Freunde fielen, wir selber konnten an keine Zukunft denken. Dann war der Krieg plötzlich zu Ende, und mir wurde bewusst, dass ein Leben vor mir lag. Das kam wie ein Schock. Das erinnerte mich an eine Mahnung aus der Regel des hl. Benedikt: „Den Tod allzeit vor Augen haben!“ und es war mir auf einmal klar: Mit diesem Bewusstsein sind wir ja aufgewachsen! Zugleich sah ich aber ein, dass wir gerade deshalb so intensiv gelebt hatten. Wir mussten immer im Augenblick leben, und das ist ja der Schlüssel zur Lebensffreude.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten


Es ist bedauerlich, dass das „Jesus starb für unsere Sünden“ heute von vielen Christen noch so verstanden wird. Und das es aus Machtgründen für vielfältigen spirituellen Missbrauch verwendet wird.
Die Auslegung, dass das Leben den Tod durchbrochen und Jesus den Weg zur wahren Freude durchbrochen hat, ist eine viel erfreulichere.

Ist das wirklich so? Nun, bis zur Auferstehung brauchen wir noch einige Credo-Sätze.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen