Was heißt das eigentlich?
Es heißt jedenfalls nicht das, was sich die meisten Christen
und Nicht-Christen darunter vorstellen. Nach biblischer Tradition ist Adam –
der Mensch schlechthin - das Urbild für Gottessohnschaft. Das gilt für alle
Menschen. Wir alle sind Adam und dazu berufen, Gottes Ebenbild zu leben.
Jesus Christus wird der zweite, der „neue“ Adam genannt,
weil er dieser höchsten menschlichen Aufgabe, Gottes Ebenbild zu leben, gerecht
wurde. So verstanden ist Jesus Christus „Gottes Sohn“ nicht obwohl er Mensch
ist, sondern weil er Mensch ist und Vorbild wahren Menschseins.
Etwas schwieriger ist der Begriff „eingeboren“ zu verstehen.
Man kann es mit „Einzig geliebt“ übersetzen, was immer noch etwas
missverständlich bleibt. Denn die Gottessohnschaft ist nichts exklusives, was
andere Menschen ausschließt. Jesus Christus ist der Repräsentant der ganzen
Menschheit. Die Beziehung Gottes zu jedem einzelnen Menschen ist wie die
Beziehung Gottes zu Jesus – einmalig und unauswechselbar.
Woher wissen wir das?
Die sprachwissenschaftlichen Befunde zum Verständnis von
Ausdrücken wie „Sohn Gottes“ sind heute allgemein zugänglich.
Die aus der griechischen Mythologie stammende Vorstellung
von Jesus als Sohn Gottes ist allerdings sehr eingefahren. Es fällt vielen
Menschen schwer, überhaupt wahrzunehmen, dass es sich bei der Gottessohnschaft
um ein Bild handelt. Allerdings um eines, das eine tiefe Wahrheit aufzeigt. Nun
kann man von reifen Menschen durchaus erwarten, sich auch in Glaubensfragen
weiterzubilden.
Noch wichtiger als Bücherwissen ist persönliche Erfahrung.
Je mehr wir unser Vertrauen auf eine liebende Macht, die uns unendlich
übersteigt, einüben und vertiefen, desto inniger erfahren wir das, was mit
Gottes Vaterliebe gemeint ist. Aufgrund unserer eigenen Beziehung zu Gott als
„Vater“ können wir dann verstehen, dass Jesus EINGEBORENER SOHN Gottes ist,
weil wir uns ja selber als einzig geliebte Gotteskinder verstehen.
Warum ist das so wichtig?
Von Jesu innigem Verhältnis mit Gott werden drei wichtige
Begriffe verständlich, die die christliche Tradition besonders prägen:
Frohbotschaft, Reich Gottes und Erlösung.
- Die Frohbotschaft fasst das Gottesverständnis Jesu zusammen. „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1 Joh 4,16). Das hat Konsequenzen: Eine Welt, in der wir alle „Ja“ zu gegenseitiger Wertschätzung und Verantwortung sagen, muss anders aussehen als die Welt, die wir kennen. Liebe wird so zur Triebkraft für die gewaltfreie Revolution, die Jesus angestoßen hat und die das Reich Gottes zum Ziel hat.
- Das Reich Gottes ist die Welt, insofern sie in der Liebe bleibt. Wir können auch von „Gotteshaushalt“ oder „Erdhaushalt“ sprechen. Ein Haushalt, in dem Tiere, Pflanzen und die ganze unbelebte Natur eingebettet in die Ordnung einer allumfassenden Familie leben. Nur wir Menschen schließen uns aus, gehen in die Entfremdung wie der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. Wo immer aber Liebe herrscht statt Macht, da wird auch unter uns Menschen der Erdhaushalt zum Gotteshaushalt.
- Erlösung ist Rückkehr aus der Entfremdung von uns selbst, aus der Entfremdung von Anderen und aus der Entfremdung von Gott. Sobald wir einsehen, das wir nie aus Gottes Liebe herausfallen können kommen wir zu uns selbst zurück – daheim im Haushalt Gottes.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
Wir können vom Ich-Bewusstsein zum Bewusstsein der
Christuswirklichkeit als unserem wahren Selbst kommen. Wir betrachten weniger
das, was uns unterscheidet, sondern lenken die Aufmerksamkeit mehr auf das hin,
was uns in der weitestmöglichen Gemeinschaft verbindet – unser Einssein im
kosmischen Christus. Der kosmische Christus spielt und tanzt in und durch
uns vor dem Vater. Wo immer es Frauen, Männer und Kinder gibt, spielt der eine
Christus in allen und jedem, als ob es nur einen einzigen Schauspieler gäbe,
der ganz viele verschiedene Rollen spielt.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Dieses Kapitel klärt einige weitverbreitete
Missverständnisse, was verschiedene im Credo und in der Bibel benutzte Begriffe
angeht. Sicher wurden diese Begriffe vielen Menschen falsch vermittelt.
Andererseits kann man auch sagen, dass jeder Mensch selbst in der Verantwortung
steht, sich um existenzielle Fragen wie „Was hat es mit Gott auf sich“ zu
kümmern. Die nötigen Informationen sind heute jedem zugänglich.
Das Wichtigste hier ist die Erkenntnis, dass jeder von uns
„Gottes Sohn“ ist. Und dies hat Konsequenzen.
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