Was heißt das eigentlich?
Der Begriff SÜNDE wird häufig
missverstanden. Am besten drückt das Wort "Entfremdung" aus, was
damit gemeint ist. Auf dreifache Weise ist Sünde Entfremdung: Sie entfremdet
uns von unserem wahren Selbst; sie entfremdet uns von unserer Mitwelt und Umwelt;
und sie entfremdet uns von unserem göttlichen Wesenskern. Es ist also mehr ein
Zustand etwas, was wir tun. Wenn, was wir tun oder unterlassen, aus Entfremdung
entspringt oder Entfremdung verursacht, dann ist es Sünde. Wenn es weder aus
Entfremdung entspringt, noch Entfremdung verursacht, dann ist es nicht Sünde,
egal was gesellschaftliche Normen davon halten.
Es ist wichtig, zwischen Sünde als Tat oder
schuldhafter Unterlassung und Sünde als Zustand zu unterscheiden. Vor allem
heißt es dabei, hellhörig zu sein für jene Entfremdungen, die in ganze Systeme
eindringen und zu einem Zustand der Vergiftung führen können. Für viele
Christen löst das Wort Sünde nur eine einzige Assoziation aus: Sex. Das die
unpersönliche Eigendynamik einer entfremdeten und entfremdenden Weltordnung
(Ausbeutung als Normalzustand) ein Zustand schwerwiegendster Sünde ist, an dem
wir alle mitschuldig sind, fällt nur wenigen ein. Wenn wir unseren
Sündenbegriff auf persönliche Überschreitung von Verboten beschränken,
übersehen wir leicht Gebote der Stunde, die weit wichtiger sein können.
Der Gegenpol zu Entfremdung ist
Zugehörigkeit. VERGEBUNG stellt auf zwei Ebenen Zugehörigkeit wieder her. Jede
Verweigerung von Zugehörigkeit verwundet eine Welt, in der alle mit allen
verbunden und voneinander abhängig sind. VERGEBUNG heilt diese Wunde. Vergeben
ist mehr als Verzeihen. Verzeihen rechnet Schuld nicht an. Vergebung geht
darüber hinaus: Sie macht verletzte Gemeinschaft wieder heil. Es ist die
höchste Form von Geben. Das Wort "ver-geben" deutet es an. Wer vergibt, gibt sich selbst, er lässt
Verbitterung und Widerwillen los.
Gläubige Entschlossenheit zum Heilen aller
Entfremdungen im eigenen Leben und in der Welt ist radikale Offenheit für
VERGEBUNG DER SÜNDEN.
Der Glaube an VERGEBUNG DER SÜNDEN bedeutet
also zweierlei: Unser Vertrauen, dass Entfremdung überwunden werden kann, und
unsere freiwillige Verpflichtung, sie opferwillig zu überwinden.
Woher wissen wir das?
Wir müssen zunächst verstehen, was SÜNDE und
VERGEBUNG in der christlichen Tradition bedeuten. Dann müssen wir das in eine
Ausdrucksweise übersetzen, die heutigem Lebensgefühl und Sprachgebrauch
entspricht: Entfremdung und Heilung.
Jeder reife Mensch kennt das Gefühl der
Entfremdung - von sich selbst, von Anderen und vom eigenen Seinsgrund. Dabei
handelt es sich um drei Dimensionen derselben Entfremdung. Auch VERGEBUNG ist
aus einem Stück, ob wir anderen vergeben oder uns selbst oder Gott - den wir
beschuldigen und dabei ganz vergessen, dass Gott nicht jemand anderer ist. Wenn
wir unser Ich loslassen und so zu unserem Selbst heimkommen, dann finden wir da
Gott - "uns näher als wir uns selbst sind" (Augustinus). Auch in
Bezug auf Gott muss Vergebung mit uns selber beginnen; Gott ist ja
allvergebende Liebe und ist uns längst zuvorgekommen. Gott kümmert sich um
Sünder mit doppelter Liebe, wie eine Mutter um ein Kind, das gefallen ist und
sich verletzt hat.
Warum ist das so wichtig?
Freude hat Heilkraft. Glaube an die
VERGEBUNG DER SÜNDEN kann das Herz mit einem solchen Schwall von Freude füllen,
dass es überfließt und zur Heilquelle wird, die überall, wo sie hinfließt,
Entfremdung heilt und Frieden bringt.
Wer wirklich an VERGEBUNG DER SÜNDEN glaubt,
setzt sich voll ein für eine Weltordnung, die der Umwelt und der Menschenwürde
gerecht wird, für eine heile Welt, wie das menschliche Herz sie zu allen
Zeiten ersehnt.
Unsere heutige Norm baut nicht aus Vergebung
auf, sondern auf Bestrafung. Verhalten, das von der Norm abweicht, muss
bestraft werden, um den Normalzustand so schnell wie möglich wiederherzustellen.
VERGEBUNG packt das Übel an der Wurzel an. Eine vergebende Gesellschaft würde
erkennen, dass kriminelles Verhalten oft von Defekten im sozialen System
ausgelöst wird. Sie würde statt größerer Strafanstalten bessere Schulen
bereitstellen.
Natürlich stellen uns konkrete Situationen
immer wieder vor praktische Probleme. Wir dürfen nicht übersimplifizieren, als
ob Vergebung einfach die Lösung aller Probleme wäre. Doch sie bietet einen
vielversprechenden Ansatz. Eine vergebende Haltung entspringt dem Bewusstsein
der Zugehörigkeit - "Wir sind alle im selben Boot" - und damit ist
Entfremdung, die Wurzel aller Ungerechtigkeit, schon abgeschnitten. Außerdem
verpflichtet sich, wer wirklich vergibt, damit schon zum vollen Einsatz beim
Suchen nach einer Lösung, kann sich also nicht mit Legalismus zufriedengeben.
"Extremes Recht ist extreme Ungerechtigkeit", das sagte schon Cicero
(106-43 v. Chr.). Das Gegenteil ist nicht Gesetzlosigkeit und Chaos, sondern
ein Friede, der aus VERGEBUNG aufblüht.
Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast
"Der Mensch", sagt Jean Paul,
"ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet oder selbst
verzeiht". Wenn wir uns aber schuldig fühlen, kommen wir uns hässlich vor. Das
begangene Unrecht drückt uns nieder. Wir schleppen eine Last mit uns herum.
Wenn wir um Verzeihung bitten oder uns selbst verzeihen, strahlen wir im Lichte
von Gottes eigener VERGEBUNG.
Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten
Hier ist es ganz wichtig zu klären, was der
Begriff Sünde bedeutet. Nicht die "böse Tat" ist die Sünde, sondern
die Entfremdung von unserem wahren Wesenskern. Mehr oder weniger
"böse" Taten sind dann die Folge.
Wir können uns bemühen, "böse
Taten", abhängig davon,was in unserem jeweiligen Kulturkreis darunter
verstanden wird, zu vermeiden. Das mag uns mehr oder weniger gut gelingen. Doch
keiner von uns ist frei von Sünde im Sinne von Entfremdung. Das geht einfach
nicht. Und so tun oder sagen wir schn mal Dinge, die wir eigentlich gar nicht
tun oder sagen wollten. Das geht anderen auch so. Sind wir uns dessen bewusst,
fällt es uns vielleicht leichter, anderen zu vergeben.
Viel schwerer ist es für viele Menschen,
sich selbst zu vergeben und sie entwickeln massive Schuldgefühle. "Vergib
uns unsere Schuld" heißt es im Vaterunser. Wer auf eine vergebende,
göttliche Kraft, wie auch immer er sie benennt, vertraut, ist hier klar im
Vorteil. Das kann so manche Therapiestunde ersparen. Wer diese Kraft für sich
ablehnt, muss alles selbst machen. Was man aber durchaus auch als
anthropologische Verkümmerung betrachten kann.
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