Mittwoch, 27. Januar 2016

"VERGEBUNG DER SÜNDEN"

Was heißt das eigentlich?

Der Begriff SÜNDE wird häufig missverstanden. Am besten drückt das Wort "Entfremdung" aus, was damit gemeint ist. Auf dreifache Weise ist Sünde Entfremdung: Sie entfremdet uns von unserem wahren Selbst; sie entfremdet uns von unserer Mitwelt und Umwelt; und sie entfremdet uns von unserem göttlichen Wesenskern. Es ist also mehr ein Zustand etwas, was wir tun. Wenn, was wir tun oder unterlassen, aus Entfremdung entspringt oder Entfremdung verursacht, dann ist es Sünde. Wenn es weder aus Entfremdung entspringt, noch Entfremdung verursacht, dann ist es nicht Sünde, egal was gesellschaftliche Normen davon halten.
Es ist wichtig, zwischen Sünde als Tat oder schuldhafter Unterlassung und Sünde als Zustand zu unterscheiden. Vor allem heißt es dabei, hellhörig zu sein für jene Entfremdungen, die in ganze Systeme eindringen und zu einem Zustand der Vergiftung führen können. Für viele Christen löst das Wort Sünde nur eine einzige Assoziation aus: Sex. Das die unpersönliche Eigendynamik einer entfremdeten und entfremdenden Weltordnung (Ausbeutung als Normalzustand) ein Zustand schwerwiegendster Sünde ist, an dem wir alle mitschuldig sind, fällt nur wenigen ein. Wenn wir unseren Sündenbegriff auf persönliche Überschreitung von Verboten beschränken, übersehen wir leicht Gebote der Stunde, die weit wichtiger sein können.
Der Gegenpol zu Entfremdung ist Zugehörigkeit. VERGEBUNG stellt auf zwei Ebenen Zugehörigkeit wieder her. Jede Verweigerung von Zugehörigkeit verwundet eine Welt, in der alle mit allen verbunden und voneinander abhängig sind. VERGEBUNG heilt diese Wunde. Vergeben ist mehr als Verzeihen. Verzeihen rechnet Schuld nicht an. Vergebung geht darüber hinaus: Sie macht verletzte Gemeinschaft wieder heil. Es ist die höchste Form von Geben. Das Wort "ver-geben" deutet es an.  Wer vergibt, gibt sich selbst, er lässt Verbitterung und Widerwillen los.
Gläubige Entschlossenheit zum Heilen aller Entfremdungen im eigenen Leben und in der Welt ist radikale Offenheit für VERGEBUNG DER SÜNDEN.
Der Glaube an VERGEBUNG DER SÜNDEN bedeutet also zweierlei: Unser Vertrauen, dass Entfremdung überwunden werden kann, und unsere freiwillige Verpflichtung, sie opferwillig zu überwinden.

Woher wissen wir das?

Wir müssen zunächst verstehen, was SÜNDE und VERGEBUNG in der christlichen Tradition bedeuten. Dann müssen wir das in eine Ausdrucksweise übersetzen, die heutigem Lebensgefühl und Sprachgebrauch entspricht: Entfremdung und Heilung.
Jeder reife Mensch kennt das Gefühl der Entfremdung - von sich selbst, von Anderen und vom eigenen Seinsgrund. Dabei handelt es sich um drei Dimensionen derselben Entfremdung. Auch VERGEBUNG ist aus einem Stück, ob wir anderen vergeben oder uns selbst oder Gott - den wir beschuldigen und dabei ganz vergessen, dass Gott nicht jemand anderer ist. Wenn wir unser Ich loslassen und so zu unserem Selbst heimkommen, dann finden wir da Gott - "uns näher als wir uns selbst sind" (Augustinus). Auch in Bezug auf Gott muss Vergebung mit uns selber beginnen; Gott ist ja allvergebende Liebe und ist uns längst zuvorgekommen. Gott kümmert sich um Sünder mit doppelter Liebe, wie eine Mutter um ein Kind, das gefallen ist und sich verletzt hat.

Warum ist das so wichtig?

Freude hat Heilkraft. Glaube an die VERGEBUNG DER SÜNDEN kann das Herz mit einem solchen Schwall von Freude füllen, dass es überfließt und zur Heilquelle wird, die überall, wo sie hinfließt, Entfremdung heilt und Frieden bringt.
Wer wirklich an VERGEBUNG DER SÜNDEN glaubt, setzt sich voll ein für eine Weltordnung, die der Umwelt und der Menschenwürde gerecht wird, für eine heile Welt, wie das menschliche Herz sie zu allen Zeiten ersehnt.
Unsere heutige Norm baut nicht aus Vergebung auf, sondern auf Bestrafung. Verhalten, das von der Norm abweicht, muss bestraft werden, um den Normalzustand so schnell wie möglich wiederherzustellen. VERGEBUNG packt das Übel an der Wurzel an. Eine vergebende Gesellschaft würde erkennen, dass kriminelles Verhalten oft von Defekten im sozialen System ausgelöst wird. Sie würde statt größerer Strafanstalten bessere Schulen bereitstellen.
Natürlich stellen uns konkrete Situationen immer wieder vor praktische Probleme. Wir dürfen nicht übersimplifizieren, als ob Vergebung einfach die Lösung aller Probleme wäre. Doch sie bietet einen vielversprechenden Ansatz. Eine vergebende Haltung entspringt dem Bewusstsein der Zugehörigkeit - "Wir sind alle im selben Boot" - und damit ist Entfremdung, die Wurzel aller Ungerechtigkeit, schon abgeschnitten. Außerdem verpflichtet sich, wer wirklich vergibt, damit schon zum vollen Einsatz beim Suchen nach einer Lösung, kann sich also nicht mit Legalismus zufriedengeben. "Extremes Recht ist extreme Ungerechtigkeit", das sagte schon Cicero (106-43 v. Chr.). Das Gegenteil ist nicht Gesetzlosigkeit und Chaos, sondern ein Friede, der aus VERGEBUNG aufblüht.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast

"Der Mensch", sagt Jean Paul, "ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet oder selbst verzeiht". Wenn wir uns aber schuldig fühlen, kommen wir uns hässlich vor. Das begangene Unrecht drückt uns nieder. Wir schleppen eine Last mit uns herum. Wenn wir um Verzeihung bitten oder uns selbst verzeihen, strahlen wir im Lichte von Gottes eigener VERGEBUNG.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten

Hier ist es ganz wichtig zu klären, was der Begriff Sünde bedeutet. Nicht die "böse Tat" ist die Sünde, sondern die Entfremdung von unserem wahren Wesenskern. Mehr oder weniger "böse" Taten sind dann die Folge.
Wir können uns bemühen, "böse Taten", abhängig davon,was in unserem jeweiligen Kulturkreis darunter verstanden wird, zu vermeiden. Das mag uns mehr oder weniger gut gelingen. Doch keiner von uns ist frei von Sünde im Sinne von Entfremdung. Das geht einfach nicht. Und so tun oder sagen wir schn mal Dinge, die wir eigentlich gar nicht tun oder sagen wollten. Das geht anderen auch so. Sind wir uns dessen bewusst, fällt es uns vielleicht leichter, anderen zu vergeben.

Viel schwerer ist es für viele Menschen, sich selbst zu vergeben und sie entwickeln massive Schuldgefühle. "Vergib uns unsere Schuld" heißt es im Vaterunser. Wer auf eine vergebende, göttliche Kraft, wie auch immer er sie benennt, vertraut, ist hier klar im Vorteil. Das kann so manche Therapiestunde ersparen. Wer diese Kraft für sich ablehnt, muss alles selbst machen. Was man aber durchaus auch als anthropologische Verkümmerung betrachten kann.

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