Mittwoch, 27. Januar 2016

"GELITTEN UNTER PONTIUS PILATUS"

Was heißt das eigentlich?


Nach einem Satz, der aus der Bildersprache stammt, folgt ein berichterstattender Satz. Dies Polarität, diese Spannung gehört zum Leben im Heiligen Geist. Dort die Mutter, die Leben schenkt, hier der Mächtige der mordet; dort die schutzlose Jungfrau, hier der skrupellose Tyrann; dort ein Neubeginn im Geist der Liebe, dem hier der Zeitgeist ein Ende macht. GELITTEN UNTER PONTIUS PILATUS stellt eine Einheit mit dem vorhergehenden Satz dar. Beide Sätze sprechen aus, was unser Lebens als Kinder Gottes, „empfangen vom Heiligen Geist“, von uns verlangt: die mystisch empfangene Christuswirklichkeit in die Welt hinein zu gebären – mit all den Schrecken erregenden sowie den begeisternden Folgen, die daraus erwachsen.

Woher wissen wir das?


Wissenschaftliche Forschung hat in unserer Zeit mehr geleistet als in all den vergangenen Jahrhunderten. Wir wissen: Jesus wurde unter PONTIUS PILATUS, der in den Jahren 26 bis 36 römischer Statthalter in Judäa war, gekreuzigt. Und was bedeutet das innere Anliegen dieses Glaubenssatzes?

Der Zusammenstoß zwischen Christus und Pilatus wird uns bewusst, wenn wir die Diskrepanz zwischen unseren spirituellen Werten und der Wertordnung unseres täglichen Lebens eingestehen. In Augenblicken, in denen wir wirklich wir selbst sind, in unseren Gipfelerlebnissen, wird uns das Wahre, Schöne und Gute zur unleugbaren Erfahrung. Doch wie schwer fällt es uns, um dieser Werte willen in unserer Gesellschaft gegen den Strom zu schwimmen.

Warum ist das so wichtig?


Das Jesus unter PONTIUS PILATUS leiden musste, ist wichtig, weil es uns zeigt, was Jesus seine Überzeugung kostete und was seine Nachfolge uns kosten kann. Und gleichzeitig erkennen wir, dass die Schwachheit Gottes stärker ist als menschliche Macht.

Wenn wir die Struktur des Credos betrachten, dann sehen wir, wie wichtig das GELITTEN UNTER PONTIUS PILATUS ist. Es stellt den Abschluss des bisher behandelten Abschnittes dar, dem ersten Drittel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Hier ein kurzer Rückblick.

Es geht im Credo durchwegs um das „Ich glaube an Gott“, mit dem es beginnt. Dieser Satz ist in sich selbst schon trinitarisch. Was wir mit „Gott“ meinen, wird dann in zwei Sätzen klargemacht: Vater und Schöpfer. Zwei weitere Sätze erklären das „Ich“, das im Credo spricht, nämlich Jesus Christus in uns: Er ist Gottes Sohn und unser Herr. Durch „glauben“ wird uns die Tätigkeit des Heiligen Geistes in uns bewusst. Wie diese Dynamik sich äußert, wird wieder in zwei Glaubensätzen dargestellt: Ein Leben „empfangen vom Heiligen Geist“ setzt einerseits jungfräuliche Mutterschaft voraus (verlangt also Mystik), und kommt andererseits unumgänglich mit dem von Pontius Pilatus vertretendem Machtsystem in Zusammenstoß. Der apokalyptische Drache wartet schon, das Kind der Jungfrau-Mutter zu verschlingen, sobald es geboren wird (Offb 12,1-4). Wer im Vollsinn des Wortes an Gott glaubt, muss das erleiden.

Mit diesem GELITTEN UNTER PONTIUS PILATUS schließt also der erste Teil des Glaubensbekenntnisses, der das „Ich glaube an Gott“ entfaltet. Der nun folgende zweite Teil des Credos ist ein christologischer Einschub, in dem wir unser gläubiges Vertrauen auf den TRANSITUS JESU CHRISTI – seinen Tod und seine Auferstehung – bekennen.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast


Dieser Satz des Credo weist auf eine ganz bestimmte Art von Leiden hin: auf das Leiden, das die Machthaber dieser Welt denen zufügen, die um Befreiung ringen. Erlösung kann man auch als Befreiung verstehen. Jesus hat wegen seines Eintretens für Befreiung gelitten ebenso wie alle, die ihm im Lauf der Geschichte nachfolgten. Dabei ist Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung durch das Machtsystem nur die naheliegendste Form von Befreiung, die notwendig ist. Dieses Machtsystem wiederum ist ja nur ein Krankheitssymptom einer ver-rückten Welt, die wir hervorbringen, wenn wir unser Selbst vergessen.

Wer Befreiung von Selbstentfremdung erlangt hat, empfindet oft tiefes Mitgefühl für jene, die sich noch um Befreiung bemühen. Im Buddhismus nennt man sie Bodhisattvas. Sie erreichen die Schwelle höchster Glückseligkeit, kehren aber um, weil sie an der Befreiung/Erlösung mithelfen wollen, bis auch die Verstricktesten endlich befreit sind. Sie strahlen immer die Freude aus, die sie schon verkostet haben. Hier treffen die Archetypen von Christus und Bodhisattva zusammen.

Das Leiden wird nicht dadurch überwunden, dass man die Schmerzen einfach hinter sich lässt, sondern dadurch, dass man sie um anderer Willen auf sich nimmt. Auch hierin treffen sich Christentum und Buddhismus.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten


Zum Thema Erlösung und wie man sie verstehen kann, habe kluge Theologen schon meterweise Bücher geschrieben. Hier ist es sehr wichtig, das David Steindl-Rast auf Erlösung als Befreiung eingeht. Dieser Begriff ist im Christentum nicht überall gerne gesehen, schließlich hat man sich lange genug an Macht- und Unterdrückungssystemen beteiligt bzw. selbst welche errichtet.


Wichtig ist es auch, auf die sich ergebende Verstrickung hinzuweisen und darauf, dass es das Machtsystem selbst ist, dass das Problem darstellt. Wer sich von einem Machtsystem befreit, errichtet meist kurz darauf ein neues. Das hat die Geschichte der Menschheit immer wieder gezeigt. Gerade auch im letzten Jahrhundert.

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