Mittwoch, 27. Januar 2016

"AUFERSTEHUNG DER TOTEN"

Was heißt das eigentlich?

Dieser Abschnitt des Glaubensbekenntnisses entfaltet immer noch weiter, was an den Heiligen Geist zu glauben beinhaltet. Leben spielt sich auf all seinen Stufen als Gegenseitigkeit ab, als Wechselwirkung zwischen Du und Ich und Wir. Der Heilige Geist "hält alle Dinge zusammen" (Weish 1,7).
Bisher sahen wir dieses Zusammenhalten unter dem Blickwinkel von Gemeinschaft. Nun kommt noch ein weiterer Blickwinkel hinzu, nämlich die kosmische Bedeutung. Doch kommen wir zuerst auf persönliche Anliegen zu sprechen, die in vielen Menschen wach werden, wenn von AUFERSTEHUNG DER TOTEN die Rede ist.
Auch hier ist "Verbundenheit" im Heiligen Geist, der alles zusammenhält, bedeutsam für tieferes Verständnis. Mein Leib ist ja nicht ein beliebiges Anhängsel an mein Bewusstsein, sondern seine Verkörperung - im Vollsinn dieses Wortes. Er gehört zu mir, so wie die Melodien zu einem Lied gehört. Und doch war jedes Atom dieses Körpers vor nicht langer Zeit Teil eines anderen Lebewesens oder Dinges und in absehbarer Zeit wird es das wieder sein. Selbst jetzt erneuern sich Millionen meiner Körperzellen. Fast alle physischen Bestandteile sollen sich  spätestens ca. alle sieben Jahre auswechseln. Was sich nicht verändert, hat man den "Inneren Leib" genannt oder die Seele. Sie ist meine Identität, die sich in meinem Leib verkörpert, mein ganz eigener und einzigartiger Ausdruck der allgemeinen Lebenskraft, die auch in mir fließt. Und ich bin mit einem unerschöpflichen "Stromnetz" verbunden - dem Heiligen Geist, der das Universum füllt.
Formen entstehen und vergehen wie Seifenblasen. Auf der tiefsten Ebene ist das Leben - als ein Aspekt des Seins - unberührt vom Entstehen und Vergehen seiner Formen.
Jesus atmete den unvergänglichen Lebensatem Gottes und solches Leben kann nichts auslöschen, auch nicht der Tod. Paulus versichert uns, dass dies auch für unser eigentliches Leben gilt: "Ist  der Geist Gottes in euch, so wird Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib wieder lebendig machen; sein Geist wohnt ja in euch" (Röm 8,11).
Weil Leiblichkeit zu unserem geisterfüllten Leben dazugehört, hat sie auch Anteil am unzerstörbaren Leben im Heiligen Geist. Dennoch müssen wir uns das nicht so wie auf den mittelalterlichen Bildern vorstellen, auf denen die wiederbelebten Leiber der Toten aus ihren Gräbern kriechen.  Wir müssen bei diesem Satz des Credo die Grenzen unserer Vorstellungskraft zur Kentiss nehmen und unser Vertrauen auf Lebensdimensionen bekennen, die über das Vorstellbare hinausgehen.
Unser Blickwinkel weiter sich von einer persönlichen zu einer kosmischen Perspektive. Durch unseren Körper sind wir ja untrennbar mit allen anderen Lebewesen und darüber hinaus mit dem ganzen Universum verbunden. Jedes Atom un uns war einmal in einer Super-Nova.
Wir können diesen Satz des Credo auch ändern in AUFERSTEHUNG DES FLEISCHES. Hiermit ist alles Vergängliche gemeint. Der Gegenpol von Geist heißt in der Sprache der Bibel Fleisch. Fleisch bedeutet hier Vergängliches - im Gegensatz zu Geist, was hier unvergängliches Leben bedeutet. Wer AUFERSTEHUNG DES FLEISCHES bekennt, der drückt seinen Glauben aus, dass alles Vergängliche doch letztlich am unvergänglichen Leben des Heiligen Geistes Anteil hat, der ja in allem vergänglichen Leben atmet.
Wir dürfen diese Polarität zwischen Geist (spiritus) und Fleisch nicht verwechseln mit der zwischen Geist (mens) und Leib. Die Geist-Fleisch-Polarität stellt dem unzerstörbar lebendigen Geist (spiritus als Lebenshauch Gottes) alles Vergängliche unter dem Bild von verweslichem Fleisch gegenüber.
Dem heutigen Sprachgebrauch entsprechend können wir unter Geist (im biblischen Sinn) alles Lebensbejahende sehen, unter Fleisch alles Lebensverneinende. Für die Bibel kann auch Materielles Geist sein. Sie sieht einen von heiliger Lebendigkeit durchatmeten Leib nicht als Fleisch an, weil er ja am Geist Anteil hat, am Heiligen Geist.
Wenn der lateinische Urtext unseres Credo von der AUFERSTEHUNG DES FLEISCHES spricht , wo die neuere deutsche Übersetzung AUFERSTEHUNG DER TOTEN sagt, dann sollten wir beachten, dass es in beiden Fällen um mehr geht als um philosophische Spekulationen über "Unsterblichkeit der Seele". Es geht um Leben im Heiligen Geist. Alles, was es gibt, und sein es noch so kurzlebig und flüchtig, wird vom Heiligen Geist - dem Creator Spiritus - hervorgebracht und von Gott mit unvorstellbarer Zartheit und Leidenschaft geliebt.

Woher wissen wir das?

In Augenblicken glühendster Lebendigkeit erkennen wir in uns etwas sehr Beständiges: Wir haben Anteil am Sein. In solchen Augenblicken wird uns klar, dass unser eigenes Sein Anteil hat am Einen, Schönen, Guten und Wahren und daher unzerstörbar ist. Dieses Heilsein umfasst unser ganzes Wesen.
Aus dieser Perspektive können wir etwas über die AUFERSTEHUNG DER TOTEN wissen, obwohl der Inhalt dieses Glaubenssatzes auf den ersten Blick jenseits des Horizontes unserer jetzigen Erfahrung zu liegen scheint. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit nach Innen lenken, kann uns bewusst werden, dass unser "ich bin" - Descartes zum Trotz - doch nicht vom "Ich denke" abhängt. In den Pausen zwischen unseren Gedanken können wir uns - bei höchster Aufmerksamkeit - unseres Seins bewusst werden und von dieser Warte aus unser Denken beobachten. Unsere innerste Wirklichkeit ist das Sein selbst, der bleibende Grund all der unbeständigen Formen.
Diese innere Erfahrung unzerstörbaren Seins ist grundsätzlich jedem Menschen zugänglich. Unser innerstes Sein ist unverwelklich. Nur können wir uns nicht vorstellen, was das für uns bedeuten wird, wenn unsere zeitgebundene Form sich auflöst. Wenn es um überzeitliche Aussagen geht, dann lässt uns unsere Vorstellungskraft im Stich.
Manchmal überwältigt uns das Bewusstsein dieser Zugehörigkeit ganz überraschend. Z.B. wenn wir sogenannte Gipfel-Erlebnisse haben. Bei solchen Erlebnissen fühlen wir uns nicht nur außerordentlich lebendig, wir können uns dabei auch einer Lebenskraft bewusst werden, die über Vernichtung erhaben ist. In diesen Augenblicken werden uns Werte wie Schönheit, Gutheit oder Wahrheit eindrücklich bewusst.
"Stirb und werde!" sagte Goethe. Wir müssen den jetzigen Augenblick loslassen und so für das Alte sterben, um für das Neue, das uns entgegenkommt, empfänglich zu sein. Unsere vielen kleinen Tode bereiten uns für den letzten, großen vor. Im Vertrauen auf die innere Dynamik der Lebendigkeit - im Glauben an den Heiligen Geist - dürfen wir sicher sein, dass auch im letzten Augenblick unseres Lebens das Loslassen des Alten Voraussetzung sein wird für den Empfang des unvorstellbaren Neuen.

Warum ist das so wichtig?

Die volle Würdigung unserer Leiblichkeit setzt spirituelle Reife voraus. In der ersten Begeisterung der Entdeckung dessen, was über alles Körperliche und Dinghafte hinausgeht, neigen wir dazu, alles andere als grobstofflich und vergänglich zu verachten. Doch wir können beide Bereiche zwar unterscheiden, aber nicht trennen. Sie sind von ihrem Ursprung her eins. Sie von einander zu trennen hat schwerwiegende Folgen für den Geist und auch für den Leib. Geist, der die Verleiblichung verschmäht, wird impotent. Und wo Leiblichkeit als dem Geist entgegengesetzt verstanden wird, sinkt sie zum bloß Körperlichen herab und wird nicht mehr hochgeschätzt. Das zeigt sich besonders erschreckend an unserer Verletzung der Umwelt, die ja zu unserer Leiblichkeit untrennbar dazugehört.
Die Asketen verschiedener Traditionen haben oft vergessen, dass Askese Training bedeutet, nicht Selbstschädigung. Sie misshandeln den Leib, anstatt ihn als "Tempel des Heiligen Geistes" anzuerkennen. Sie versuchen den Geist zu stärken, indem sie den Leib schwächen, als ob der Leib ein Feind wäre.
Wir beginnen unseren Leib zu missbrauchen, wenn wir ihn nicht als Verleiblichung des Geistes hochhalten. Wobei unsere leiblichen Gelüste oft nicht so leicht im Zaum zu halten sind.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast

Es geht hier nicht um Tod, sondern um Leben - ewiges Leben. Es geht hier nicht um ein Ereignis "nach dem Tod", sondern um etwas, das hier und jetzt stattfinden kann. Die AUFERSTEHUNG DES FLEISCHES ist nicht Umkehrung des Tot seins, sondern Überhöhung des Lebendig seins.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten

Machen Sie jetzt mal ein kleines Experiment: Machen Sie aus dem Substantiv das Sein das Verb sein. Nun sprechen Sie es in der ersten Person aus: ich bin. Vielleicht bekommen Sie nun eine Ahnung, wer sie wirklich sind: Ein unzerstörbarer Teil des Seins, der Existenz, ja ewiges Leben. Nicht ihr Körper, auch nicht Ihre Psyche, sondern Ihr innerster Wesenskern.

Man muss sich das einmal klar machen: Unsere sämtlichen Körperzellen erneuern sich ständig, spätestens alle sieben Jahre sind wir komplett "runderneuert". Warum bekommen wir dann eigentlich Falten und graue Haare? Nun, das ist wohl ein anderes Thema. Viel wichtiger ist an dieser Stelle die Erkenntnis, dass wir einen "Inneren Leib" oder eine Seele haben, eine unzerstörbare Identität. Ich finde, angesichts der Vergänglichkeit aller Dinge und auch unseres eigenen Körpers ist dies eine sehr beruhigende Nachricht.

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