Mittwoch, 27. Januar 2016

"AMEN"

Was heiß das?

Das Wort AMEN ist kein bedeutungsloser Schnörkel, sondern wesentlicher Bestandteil des Glaubensbekenntnisses. Es geht über das deutsche Ja hinaus. Wer AMEN sagt, bejaht nicht nur eine Aussage, sondern verpflichtet sich, danach zu leben.
Die Kernbedeutung dieses Wortes ist Verlässlichkeit. Amen zu sagen heißt, sich auf Gottes Verlässlichkeit zu verlassen: Unser Herz vertrauensvoll auf Gott zu setzen und dementsprechend zu leben. Unser kleines Selbst zurücklassen und uns vertrauend auf etwas Größeres hinbewegen. Diese Hinbewegung hat schon mit "ICH GLAUBE" begonnen, dies heißt genau das gleiche wie "ich verlasse mich". Mit AMEN schließt sich nu der Kreis.
Dies ist nicht nur im Christentum so. Wenn Hindus, Jaina und Buddhisten das OM aussprechen, so drücken sie damit ihre Bereitschaft aus, ihr Leben mit der Ur-Harmonie des Kosmos in Einklang zu bringen. Auch sie verlassen sich dabei auf die innerste Verlässlichkeit des Seins.

Woher wissen wir das?

Im 27. Kapitel des 5. Buch Mose heißt es vierzehn mal: "Und das ganze Volk soll rufen: Amen" (Dtn 27,15-26). In den heiligen Schriften des Ostens ist die ganze Mandukya Upanischade dem Verständnis von OM als dem bedeutendsten aller Mantren gewidmet.
Wir können diese faktische Information durch eigene Erfahrungen ergänzen, z.B. wenn wir das Amen hören, mit dem Johann Sebastian Bach das Credo seiner H-Moll Messe krönt. Im Westen entdecken immer mehr Menschen, dass ein Mantra wie Amen oder der Name Jesu beim Meditieren eine große Hilfe sein kann. In Indien erlebt man das OM als "den Klang Gottes".

Warum ist das so wichtig?

Wir waren bemüht, den Wurzeln des Glaubens so tief nachzuspüren, dass wir von da her auch die christlichen Konfessionen als Teilgruppen einer weltweiten Glaubensgemeinschaft verstehen. Diese Sichtweise ist nicht relativistisch; sie relativiert nicht den Glauben, der in dem einen Wort "Credo" zusammengefasst ist, auf dem alle unsere Erwägungen gründen. Wir nehmen aber die Verschiedenheit der Traditionen relativ zu diesem Glauben ernst.
Zu sagen "Ich glaube" drückt eine so tiefe Überzeugung aus, dass jeder Glaubenssatz zugleich eine freiwillige Verpflichtung zu tatkräftigem Tun einschließt. Gerade das trift auch für das AMEN zu.

Persönliche Erwägungen von David Steindl-Rast (in Ich-Form zusammengefasst)

Angesichts des Parlaments der Weltreligionen in Chicago 1993 stellte sich mir die Frage, wie kann ich meine eigene christlich-katholische Tradition getreu darstellen und zugleich für die Vertreter anderer Traditionen verständlich sein? Wie kann ich das Herzstück der christlichen Tradition, die Dreieinigkeit Gottes - Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist - den anderen nahe bringen?
Zwei Begriffe schoben sich langsam immer mehr in den Vordergrund meines Denkens - Glaube und Lehre. Glauben haben wir alle, aber unsere Lehren gehen weit auseinander. Unsere Herzen verstehen die innere Haltung des Sich-Verlassens, aber unsere Vernunft ringt mit den so unterschiedlichen Lehren, in denen der Glaube sich ausdrückt; sie scheinen unüberbrückbar. Glaube vereint, Lehren trennen uns. Ich musste mich fragen: Wie stehen Glaube und Lehre eigentlich zueinander? In welchem Verhältnis steht mein eigener Glaube zu den Lehren, die ich gläubig bekenne? Die Antwort war leicht: Die Lehren sind Ausdruck meines Glaubens. So hatte ich den Ansatz für gegenseitiges Verständnis gefunden: Ich würde appellieren müssen an den Glauben, der uns eint, trotz der Lehren, die uns trennen.
Was aber ist dieser uns allen gemeinsamer Glaube, bevor er sich in dieser oder jener Lehre ausdrückt? Wie erleben wir ihn? Hier lade ich meine Leser ein, diese Frage selbst zu beantworten: Wie und in welchem Zusammenhang wird Dir Dein tiefstes Vertrauen auf die Vertrauenswürdigkeit des Lebens bewusst? Meine eigene Antwort begann sich abzuzeichnen, als ich die größte Herausforderung an meinen Glauben ins Auge fasste: Hat überhaupt irgendetwas Sinn? In meinen dunkelsten Stunden bezweifle ich das. Nur mutiges Vertrauen - und das ist ja die Essenz des Ur-Glaubens - kann universellen Zweifel überwinden. Der allen Menschen gemeinsame Glaube ist also das tapfere Vertrauen, das wir beweisen durch unsere nie endende Suche nach letztem Sinn.
Sinnsuche ist die Triebkraft, die alle Menschenherzen bewegt. Das haben wir alle gemeinsam. Mir war nun klar, worüber ich vor dem Parlament der Weltreligionen sprechen müsste: Über unsere Aufgabe, die uns gemeinsame Sinnsuche besser zu verstehen. Sinn hat immer drei Aspekte: Wort, Schweigen und Verstehen. Wenn eines von den dreien fehlt, fehlt auch Sinn. Das müsste ich erklären im Hinblick auf die allgemeinmenschliche Erfahrung der Sinnsuche, und zwar unter den Gesichtspunkten von Wort, Schweigen und Verstehen.
Dass Wort und Sinn zusammengehören, leuchtet ein. Es ist Wort in der weitesten Bedeutung, nicht ein einzelnes Wort, das Sinn vermittelt. Jedes Wort aber, dass wirklich sinnträchtig ist, kommt aus dem Schweigen - aus dem Herzen der Stille; nur so kann es zur Stille des Herzens sprechen. (Alles andere ist nur Geschwätz). Weder Wort noch Schweigen können aber das "Aha!" der Sinnfindung auslösen, wenn Verstehen fehlt. Verstehen ist ein dynamischer Vorgang.
Wenn jede spirituelle Tradition Ausdruck der unstillbaren Sinnsuche des Menschenherzens ist, dann müssen die drei charakteristischen Aspekte von Sinn - Wort, Schweigen und Verstehen - jede Religion auf eigene Art kennzeichnen. Wobei es Unterschiede in der Betonung des einen oder anderen Aspektes gibt. In den uralten ursprünglichen Religionen - z.B. in Australien, Afrika und Amerika - sind die drei noch eng miteinander verwoben in Mythos, Ritual und Gemeinschaftsleben. Als aber Hinduismus, Buddhismus und die Amen-Traditionen des Westens aus der gemeinsamen ur-religiösen Matrix herauswuchsen, begann der Nachdruck immer stärker auf einen oder den anderen Bereich zu fallen, obwohl alle drei - Wort, Schweigen und Verstehen - in keiner Tradition ganz verloren gehen können.
In Judentum, Christentum und Islam spielt das Wort die wichtigste Rolle. Gott wird von uns als anrufend und aufrufend verstanden. Gott spricht zu uns durch alles, was es gibt, und alles ist seinem innersten Wesen nach Wort Gottes. Gott ist Liebe, daher hat Gott in Ewigkeit nichts anderes zu sagen als "Ich liebe Dich". Wie aber Liebende nie müde werden, ihre Liebe durch Geschenke, Blumen und Küsse auszudrücken, so wiederholt Gott "Ich liebe Dich" immer wieder durch alles, was entsteht - und wir werden nicht müde, es immer wieder neu zu hören.
Im Buddhismus nimmt Schweigen die Zentralstellung ein. Offensichtlich wird das in der berühmten wortlosen Predigt des Buddha. Der Buddha hielt einfach eine Blume hoch. Nur ein einziger seiner Jünger verstand, heißt es. Er lächelte, wird uns berichtet. Der Buddha lächelte zurück. So wird die buddhistische Tradition schweigend weitergegeben. So erlebte ich es mit Eido Shimano Roshi. Wenn ich meinte, einen Punkt des Zen-Buddhismus verstanden zu haben, und ihn so genau wie möglich formulierte, um ihn danach zu fragen, lachte er aus volem Hals und sagte: "Absolut richtig - aber wie schade, dass du es in Worte fassen musst".
Im Hinduismus haben weder Wort noch Schweigen letzte Bedeutung, sondern Verstehen. "Yoga ist Verstehen", hatte Swami Venkatesananda gesagt. "Atman ist Brahman" und "Brahman ist Atman" - der offenbare Gott (das Wort) ist der verborgene Gott (Schweigen); und der verborgene Gott ist der offenbare. Klar, das Wort ist das offenbar gewordene Schweigen und Schweigen ist das verborgene Wort. Untrennbar eins und doch unvermischt - das heißt verstehen. Freilich geht es hier um ein Verstehen, das weit über verstandesmäßiges Begreifen hinausgeht, ein Verstehen mit dem Herzen, an dem Denken, Fühlen und Wollen gleichermaßen beteiligt sind.
Wenn wir auf unserer Suche nach Sinn ein Aha-Erlebnis haben, dann sagen wir typischerweise: "Das ist es!" Spielen wir mit diesem Satz. Die christliche Perspektive verrät sich, indem sie das erste Wort betont: "Das ist es!" Begeisterung darüber, das Gott spricht, dass also alles, was es gibt, ein Wort Gottes ist, lässt uns Christen immer wieder neu ausrufen "Das ist es!" Bei Buddhisten ist das anders. Was sie überwältigt, ist, das ein und dasselbe Schweigen in einer solchen Vielzahl von Dingen zu Wort kommt. Für sie ist also das dritte Wort das wichtige: "Das ist es!" Es ist immer das geheimnisvolle Es, das sich in allem ausspricht, was es gibt - das große Schweigen. Die Hindus erinnern uns daran, dass wir eigentlich sagen sollten, "Das ist es!" Darauf kommt es an: Das Wort ist das Schweigen und das Schweigen ist das Wort. Das einzusehen heißt: verstehen. Wir müssen lernen, die Eigenständigkeit und Einzigartigkeit jeder dieser Perspektiven zu respektieren. Sie ergänzen einander. Die Traditionen brauchen die Hilfe, die sie einander bieten können bei der gemeinsamen Suche nach Sinn. Und Spiritualität ist nicht nur ein Suchen nach Sinn, sie ist ebenso Feier von Sinn. Dafür gibt es in allen Traditionen Feiern und Festlichkeiten, in denen die Schönheit der jeweiligen Tradition zum Leuchten kommt.
Auch Andersgläubige sind eben auch gläubig Sinnsuchende. Wort, Schweigen und Verstehen hat bei der Sinnsuche Bedeutung. Aus dieser Sicht ist menschlicher Ur-Glaube zumindest implizit trinitarisch. Es begann mir zu dämmern, dass die "Offenbarung" der Trinität, die ich immer für ausschließlich christlich gehalten hatte, das Herzstück des Glaubens schlechthin war.

Persönliche Anmerkungen von Heinz Hilten

Es ist wohl ein besonderer Verdienst von David Steindl-Rast, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Weltreligionen so deutlich zu machen. Dabei wird klar, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen: Die Suche nach dem wirklichen Sinn.

Wenn die Religionen sich gegenseitig befruchten, kann daraus vielleicht so etwas wie Multi- oder Transreligiösität entstehen. Immerhin gibt es schon Menschen, die auf diesem Weg unterwegs sind, den Autor dieser Worte inbegriffen. Wobei meine christlichen Wurzeln dabei Priorität haben.

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